Sartre Das Sein Und Das Nichts
Jean-Paul Sartres Das Sein und das Nichts (L’Être et le Néant, Being and Nothingness) ist ein philosophisches Hauptwerk des 20. Jahrhunderts und ein Eckpfeiler des Existenzialismus. Für viele, die sich zum ersten Mal mit Sartres Werk auseinandersetzen, kann es jedoch einschüchternd wirken. Dieser Artikel bietet eine klare und prägnante Einführung in die zentralen Ideen des Buches und soll Expats, Neuankömmlingen und allen anderen, die sich für Philosophie interessieren, helfen, Sartres Denkweise zu verstehen.
Die Grundlagen: Phänomenologie und Existenzialismus
Um Sartres Werk zu verstehen, ist es wichtig, seine philosophischen Wurzeln zu kennen. Er baut auf der Phänomenologie Edmund Husserls auf, einer Methode, die versucht, die Erfahrung so zu beschreiben, wie sie uns erscheint, ohne Vorannahmen über eine dahinterliegende Realität. Sartre erweitert diese Methode um existenzialistische Ideen.
Existenzialismus betont die Freiheit und Verantwortung des Individuums. Er lehnt vorgegebene Werte und Normen ab und argumentiert, dass der Mensch seine eigene Essenz (sein Wesen) durch seine Handlungen selbst erschafft. Der berühmte Satz Sartres: "Die Existenz geht der Essenz voraus", fasst diese Idee zusammen. Das bedeutet, dass wir zuerst existieren und dann durch unsere Entscheidungen definieren, wer wir sind.
Sein und Nichts: Die zentrale Dichotomie
Der Titel Das Sein und das Nichts deutet bereits auf die zentrale Dichotomie hin, um die sich Sartres Werk dreht. Er unterscheidet zwischen zwei grundlegenden Seinsweisen:
Das Sein-an-sich (l'être-en-soi)
Das Sein-an-sich beschreibt die Welt der Objekte, der Dinge. Es ist massiv, undurchsichtig, unveränderlich und vollständig determiniert. Es ist einfach da, ohne Bewusstsein oder Freiheit. Ein Stein, ein Baum, ein Tisch sind Beispiele für Sein-an-sich. Es gibt keine Leerstelle, keine Negation im Sein-an-sich. Es ist einfach alles, was es ist. Sartre lehnt jegliche essentialistische Auffassung ab, die dem Sein-an-sich eine vorgegebene Bedeutung oder einen Zweck zuschreibt. Es ist, was es ist, und nichts weiter.
Das Sein-für-sich (l'être-pour-soi)
Das Sein-für-sich ist das menschliche Bewusstsein, das Subjekt. Es ist dadurch gekennzeichnet, dass es Nichts in sich trägt. Dieser Begriff des "Nichts" ist entscheidend für Sartres Philosophie. Das Bewusstsein ist nicht einfach ein passiver Spiegel der Welt, sondern aktiv und selbstbewusst. Es kann sich selbst hinterfragen, sich distanzieren und zukünftige Möglichkeiten entwerfen. Diese Fähigkeit zur Distanzierung und zur Projektion in die Zukunft ist das, was Sartre als "Nichts" bezeichnet. Das Sein-für-sich ist somit durch eine fundamentale Leere charakterisiert, eine Fähigkeit zur Negation, die es vom Sein-an-sich unterscheidet. Diese Leere ermöglicht es dem Menschen, frei zu sein und sich selbst zu erschaffen.
Die Beziehung zwischen Sein-an-sich und Sein-für-sich ist komplex. Das Sein-für-sich existiert in der Welt des Sein-an-sich, aber es ist nicht auf dieses reduziert. Es ist Verbindung mit dem Sein-an-sich, aber auch Unterscheidung von ihm.
Freiheit und Verantwortung
Aus der Unterscheidung zwischen Sein-an-sich und Sein-für-sich leitet Sartre seinen radikalen Begriff der Freiheit ab. Da das Sein-für-sich durch das "Nichts" gekennzeichnet ist, ist es nicht durch eine vorgegebene Essenz determiniert. Wir sind frei, unsere eigenen Entscheidungen zu treffen und uns selbst zu definieren. Diese Freiheit ist jedoch keine absolute Willkür. Sie ist immer situiert, d.h. sie existiert innerhalb der konkreten Umstände, in denen wir uns befinden. Wir können nicht einfach aus dem Nichts wählen, sondern müssen unsere Entscheidungen innerhalb der gegebenen Realität treffen.
Mit der Freiheit geht die Verantwortung einher. Da wir frei sind, unsere eigenen Entscheidungen zu treffen, sind wir auch für die Konsequenzen dieser Entscheidungen verantwortlich. Sartre betont, dass wir nicht nur für uns selbst verantwortlich sind, sondern auch für das Bild des Menschen, das wir durch unsere Handlungen entwerfen. Jede Entscheidung, die wir treffen, hat eine universelle Bedeutung, da sie eine mögliche Art und Weise des Menschseins verkörpert.
Diese radikale Freiheit und Verantwortung kann zu Angst (angoisse) führen. Die Angst ist nicht einfach eine Furcht vor bestimmten Dingen, sondern eine fundamentale Unsicherheit angesichts der eigenen Freiheit. Sie entsteht, wenn wir uns der Tatsache bewusst werden, dass es keine vorgegebenen Werte oder Normen gibt, die uns leiten könnten. Wir sind allein mit unserer Freiheit und müssen unsere eigenen Entscheidungen treffen, ohne die Gewissheit, dass sie richtig sind.
Schlechter Glaube (mauvaise foi)
Um der Angst zu entkommen, greifen Menschen oft zu dem, was Sartre als schlechten Glauben bezeichnet. Schlechter Glaube ist eine Form der Selbsttäuschung, bei der wir uns selbst oder anderen etwas vormachen, um die eigene Freiheit und Verantwortung zu leugnen. Es gibt verschiedene Formen des schlechten Glaubens. Eine Möglichkeit besteht darin, sich mit einer Rolle oder Identität zu identifizieren und zu behaupten, dass man nicht anders handeln könne. Zum Beispiel könnte sich ein Kellner voll und ganz mit seiner Rolle identifizieren und sich so vor der Verantwortung für seine Entscheidungen drücken. Eine andere Form des schlechten Glaubens besteht darin, sich von der eigenen Freiheit zu distanzieren und sich als Opfer der Umstände darzustellen.
Sartre betont, dass schlechter Glaube keine bloße intellektuelle Verwirrung ist, sondern eine aktive und bewusste Entscheidung. Wir wählen den schlechten Glauben, um uns vor der Angst zu schützen, aber wir zahlen einen hohen Preis dafür: Wir verlieren unsere Authentizität und unsere Fähigkeit, uns selbst zu verwirklichen.
Das Andere (autrui) und die Blicke
Sartre widmet einen großen Teil von Das Sein und das Nichts der Analyse der Beziehung zu anderen Menschen. Er argumentiert, dass die Anwesenheit des Anderen eine fundamentale Herausforderung für unser eigenes Sein darstellt. Wenn wir von einem Anderen betrachtet werden, werden wir zu einem Objekt in dessen Bewusstsein. Wir verlieren die Kontrolle über unser eigenes Bild und werden von den Blicken des Anderen definiert.
Diese Erfahrung der Blicke (le regard) kann zu Scham, Eifersucht und Angst führen. Wir fühlen uns verurteilt, bewertet und entfremdet. Sartre beschreibt die Blicke als eine Form des "Krieges", in dem wir versuchen, die Kontrolle über das Bewusstsein des Anderen zu gewinnen oder uns vor seinen Blicken zu schützen.
Die Beziehung zum Anderen ist jedoch nicht nur von Konflikten geprägt. Sie ist auch notwendig für unsere Selbstwerdung. Durch die Anerkennung des Anderen können wir uns selbst besser verstehen und unsere eigenen Grenzen erkennen. Sartre argumentiert jedoch, dass eine authentische Beziehung zum Anderen nur möglich ist, wenn wir unsere eigene Freiheit und Verantwortung anerkennen und den Anderen als ein freies und autonomes Wesen respektieren.
Die Konsequenzen für das Leben
Sartres Philosophie hat weitreichende Konsequenzen für unser Verständnis von Leben, Moral und Politik. Er lehnt jegliche vorgegebenen Werte und Normen ab und betont die Notwendigkeit, unsere eigenen Werte zu schaffen und für sie einzustehen. Er kritisiert jede Form von Autorität und Unterdrückung und plädiert für eine Gesellschaft, in der die Freiheit und Autonomie jedes Einzelnen respektiert werden.
Das Sein und das Nichts ist kein leicht zu lesendes Buch, aber es bietet eine tiefgründige und anregende Analyse der menschlichen Existenz. Es fordert uns heraus, unsere eigenen Annahmen zu hinterfragen und uns unserer Freiheit und Verantwortung bewusst zu werden. Für Expats und Neuankömmlinge, die sich in einer neuen Umgebung zurechtfinden müssen, kann Sartres Philosophie eine wertvolle Orientierungshilfe sein. Sie kann helfen, sich den Herausforderungen des Lebens mit Mut und Entschlossenheit zu stellen und ein authentisches und sinnvolles Leben zu führen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Das Sein und das Nichts eine komplexe, aber lohnende Lektüre ist, die fundamentale Fragen über die menschliche Existenz aufwirft. Die Betonung von Freiheit, Verantwortung und Authentizität macht Sartres Werk zu einem relevanten und inspirierenden Beitrag zur Philosophie des 20. Jahrhunderts. Seine Ideen können uns helfen, die Welt um uns herum und unsere Rolle darin besser zu verstehen.
