Schulz Von Thun übungen Mit Lösungen Pflege
In der Pflege, insbesondere im Umgang mit älteren oder kranken Menschen, ist eine klare und wertschätzende Kommunikation von immenser Bedeutung. Das Kommunikationsmodell nach Schulz von Thun, auch bekannt als das Vier-Seiten-Modell oder Kommunikationsquadrat, bietet hierbei ein wertvolles Werkzeug. Es hilft, die Komplexität zwischenmenschlicher Interaktion zu verstehen und die eigene Kommunikation bewusst zu gestalten. Dieser Artikel erklärt die Grundlagen des Schulz von Thun Modells und stellt konkrete Übungen mit Lösungsansätzen vor, die speziell auf den Pflegebereich zugeschnitten sind.
Das Kommunikationsmodell nach Schulz von Thun: Eine Einführung
Das Modell geht davon aus, dass jede Äußerung gleichzeitig vier Botschaften beinhaltet, die auf vier verschiedenen Ebenen wirken:
- Sachebene: Worüber informiere ich? (Daten, Fakten, Informationen)
- Appellebene: Was möchte ich beim Empfänger erreichen? (Aufforderung, Wunsch, Ratschlag)
- Beziehungsebene: Wie stehe ich zum Empfänger? (Wie behandle ich ihn? Was halte ich von ihm?)
- Selbstoffenbarungsebene: Was gebe ich von mir preis? (Gefühle, Werte, Bedürfnisse)
Jeder Gesprächspartner ist Sender und Empfänger zugleich. Als Sender codiert er seine Botschaft auf allen vier Ebenen. Als Empfänger decodiert er die empfangene Nachricht ebenfalls auf allen vier Ebenen. Missverständnisse entstehen häufig, wenn Sender und Empfänger unterschiedliche Schwerpunkte auf die einzelnen Ebenen legen oder die Botschaften falsch interpretieren.
Warum ist das Modell in der Pflege relevant?
In der Pflege sind die Beziehungen zwischen Pflegenden und Patienten oft von Abhängigkeit und Vulnerabilität geprägt. Patienten sind auf die Unterstützung und das Verständnis der Pflegenden angewiesen. Eine bewusste und respektvolle Kommunikation ist daher essentiell für eine vertrauensvolle Beziehung und das Wohlbefinden des Patienten. Das Schulz von Thun Modell hilft Pflegenden, ihre eigene Kommunikation zu reflektieren und die Botschaften ihrer Patienten besser zu verstehen. Es kann dazu beitragen, Missverständnisse zu vermeiden, Konflikte zu lösen und eine positive Arbeitsatmosphäre zu schaffen.
Übungen mit Lösungsansätzen für die Pflege
Die folgenden Übungen sind darauf ausgelegt, das Verständnis des Schulz von Thun Modells zu vertiefen und die praktische Anwendung in der Pflege zu verbessern.
Übung 1: Analyse einer Kommunikationssituation
Aufgabe: Denken Sie an eine kürzliche Kommunikationssituation mit einem Patienten oder einem Kollegen, in der es zu Missverständnissen oder Unklarheiten kam. Beschreiben Sie die Situation kurz und analysieren Sie dann die Äußerung einer beteiligten Person (entweder Ihre eigene oder die des anderen) anhand der vier Ebenen des Kommunikationsmodells.
Beispiel: Ein Patient sagt: "Ich habe schon wieder geklingelt, und niemand kommt."
Analyse:
- Sachebene: Der Patient hat geklingelt, und niemand ist gekommen.
- Appellebene: Der Patient möchte, dass jemand kommt. Er möchte Aufmerksamkeit und Hilfe.
- Beziehungsebene: Der Patient fühlt sich möglicherweise vernachlässigt oder nicht ernst genommen. Er könnte den Eindruck haben, dass das Pflegepersonal keine Zeit für ihn hat.
- Selbstoffenbarungsebene: Der Patient ist unzufrieden, frustriert oder sogar ängstlich. Er fühlt sich hilflos.
Lösungsansatz: Anstatt defensiv zu reagieren (z.B. "Wir sind aber sehr beschäftigt"), sollte die Pflegekraft versuchen, die Botschaft auf allen Ebenen zu verstehen und darauf einzugehen. Eine empathische Antwort könnte sein: "Es tut mir leid, dass Sie warten mussten. Ich kann verstehen, dass Sie sich dann unwohl fühlen. Was kann ich jetzt für Sie tun?"
Übung 2: Formulieren von Botschaften auf allen vier Ebenen
Aufgabe: Gegeben sei eine bestimmte Situation in der Pflege. Formulieren Sie eine Äußerung, die alle vier Ebenen des Kommunikationsmodells berücksichtigt.
Beispiel: Ein Patient weigert sich, seine Medikamente einzunehmen.
Formulierung:
"Herr Müller, ich sehe, Sie möchten Ihre Medikamente jetzt nicht nehmen (Sachebene). Es ist wichtig für Ihre Gesundheit, dass Sie sie einnehmen, damit es Ihnen bald besser geht (Appellebene). Ich sorge mich um Sie und möchte, dass Sie gesund werden (Beziehungsebene). Ich möchte Ihnen helfen, die Medikamente so angenehm wie möglich einzunehmen (Selbstoffenbarungsebene)."
Lösungsansatz: Durch die Berücksichtigung aller vier Ebenen wird die Botschaft klarer und verständlicher. Der Patient fühlt sich gesehen und ernst genommen, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass er kooperiert.
Übung 3: Aktives Zuhören und Empathie
Aufgabe: Üben Sie aktives Zuhören in einem simulierten Gespräch mit einem Kollegen. Konzentrieren Sie sich darauf, die Botschaften des anderen auf allen vier Ebenen zu erfassen. Verwenden Sie Techniken wie paraphrasieren, zusammenfassen und nachfragen, um Ihr Verständnis zu überprüfen.
Beispiel: Kollege: "Ich bin total überfordert. Heute Morgen sind zwei Patienten gleichzeitig gestürzt, und ich weiß nicht, wie ich alles schaffen soll."
Reaktion mit aktivem Zuhören:
"Du bist also total überfordert, weil heute Morgen zwei Patienten gleichzeitig gestürzt sind und du dich fragst, wie du alles schaffen sollst? (Paraphrasieren) Das klingt wirklich stressig. Du hast also das Gefühl, dass du gerade nicht die Unterstützung hast, die du bräuchtest, um alle Aufgaben zu bewältigen? (Nachfragen und Beziehungsebene) Gibt es etwas, womit ich dir helfen kann? Vielleicht kann ich eine Aufgabe übernehmen oder bei der Dokumentation unterstützen (Appellebene)."
Lösungsansatz: Aktives Zuhören fördert das Verständnis und die Empathie. Der Kollege fühlt sich gehört und verstanden, was zur Stressreduktion beitragen kann.
Übung 4: Umgang mit schwierigen Patienten
Aufgabe: Stellen Sie sich vor, ein Patient ist aggressiv und beschimpft Sie. Wie würden Sie reagieren, unter Berücksichtigung des Schulz von Thun Modells?
Beispiel: Patient: "Sie sind ja völlig inkompetent! Sie haben keine Ahnung, was Sie tun!"
Reaktion:
"Ich verstehe, dass Sie unzufrieden sind (Beziehungsebene - signalisiert Verständnis). Mir ist wichtig, dass Sie gut versorgt sind, und ich möchte gerne wissen, was Sie gerade so verärgert (Appellebene - Angebot zur Klärung). Ich nehme Ihre Beschimpfungen persönlich, aber ich versuche zu verstehen, dass Ihre Äußerungen vielleicht Ausdruck Ihrer Verzweiflung oder Angst sind (Selbstoffenbarungsebene - zeigt die eigene Betroffenheit, ohne sich anzugreifen). Können Sie mir genauer sagen, was Ihnen fehlt oder was ich falsch gemacht habe? (Sachebene - Fokus auf die konkrete Situation)."
Lösungsansatz: Bleiben Sie ruhig und versuchen Sie, die Botschaft des Patienten auf allen Ebenen zu verstehen. Signalisieren Sie Verständnis für seine Gefühle, aber setzen Sie gleichzeitig klare Grenzen. Zeigen Sie, dass Sie bereit sind, das Problem zu lösen, aber dass Sie sich nicht beleidigen lassen. Wichtig ist, dass Sie Ihre eigene emotionale Reaktion reflektieren und gegebenenfalls Unterstützung suchen.
Übung 5: Feedback geben und nehmen
Aufgabe: Üben Sie, konstruktives Feedback zu geben und zu nehmen, indem Sie das Schulz von Thun Modell nutzen. Achten Sie darauf, Ihr Feedback auf allen vier Ebenen zu formulieren.
Beispiel: Feedback an einen Kollegen, der Schwierigkeiten mit der Dokumentation hat.
Formulierung:
"Mir ist aufgefallen, dass die Dokumentation in letzter Zeit nicht immer vollständig ist (Sachebene). Ich denke, es ist wichtig, dass wir die Dokumentation sorgfältig führen, um eine gute Patientenversorgung zu gewährleisten (Appellebene). Ich schätze deine Arbeit sehr, und ich möchte dich unterstützen, dich in diesem Bereich zu verbessern (Beziehungsebene). Ich helfe gerne mit Tipps und Tricks, wie die Dokumentation effizienter gestaltet werden kann (Selbstoffenbarungsebene)."
Lösungsansatz: Konstruktives Feedback sollte immer konkret, wertschätzend und lösungsorientiert sein. Indem Sie Ihre Botschaft auf allen vier Ebenen formulieren, erhöhen Sie die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr Feedback vom Empfänger positiv aufgenommen wird.
Fazit
Das Kommunikationsmodell nach Schulz von Thun ist ein wertvolles Werkzeug für die Pflege, um die zwischenmenschliche Kommunikation zu verbessern und Missverständnisse zu vermeiden. Durch die bewusste Anwendung des Modells können Pflegende eine vertrauensvollere Beziehung zu ihren Patienten aufbauen, Konflikte konstruktiver lösen und eine positive Arbeitsatmosphäre schaffen. Die hier vorgestellten Übungen bieten eine praktische Möglichkeit, das Verständnis des Modells zu vertiefen und die eigene Kommunikation zu reflektieren. Die kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem Thema Kommunikation ist ein wichtiger Bestandteil der professionellen Entwicklung in der Pflege. Indem Pflegende ihre Kommunikationsfähigkeiten verbessern, können sie die Qualität der Patientenversorgung steigern und ihr eigenes Wohlbefinden am Arbeitsplatz fördern.
