Seit Wann Gibt Es Yeziden
Stellt euch vor, ihr steht in den staubigen, sonnengebleichten Ebenen des Nordiraks, die Luft flirrt vor Hitze und Geschichte. Über euch wölbt sich ein Himmel von solch unglaublicher Bläue, dass er fast unwirklich erscheint. Ich war dort, vor nicht allzu langer Zeit, auf der Suche nach etwas Besonderem – nach der Geschichte und der Kultur einer Gemeinschaft, die tiefe Wurzeln in dieser Erde geschlagen hat: den Yeziden.
Meine Reise begann mit der Frage: Seit wann gibt es Yeziden eigentlich? Eine einfache Frage, dachte ich. Aber wie so oft bei Reisen in die Vergangenheit, war die Antwort alles andere als einfach. Es ist eine Geschichte, die sich über Jahrtausende erstreckt, verwoben mit Mythen, Legenden und einer unerschütterlichen spirituellen Überzeugung.
Die Sache ist die: Die Yeziden selbst datieren ihren Glauben auf eine Zeit vor der Entstehung von Judentum, Christentum und Islam. Sie sehen ihre Religion als eine der ältesten der Welt, als einen ursprünglichen Glauben, der sich aus verschiedenen Quellen speist und eine einzigartige, synkretistische Form angenommen hat. Es ist, als würde man versuchen, die Quelle eines Flusses zu finden, der sich aus unzähligen kleinen Bächen und Quellen speist – ein kompliziertes Unterfangen!
Eine Reise in die Vergangenheit: Die Ursprünge
Um die Frage nach dem "Seit wann?" zu beantworten, muss man tief in die mündlichen Überlieferungen und die wenigen vorhandenen heiligen Texte der Yeziden eintauchen. Diese Texte, die Kitêba Cilwe (Das Buch der Offenbarung) und die Mishefa Reş (Das Schwarze Buch), sind in kurdischer Sprache verfasst und werden traditionell von Generation zu Generation mündlich weitergegeben. Das macht die Datierung natürlich nicht einfacher.
Viele Wissenschaftler sind sich einig, dass der Yezidismus Elemente des Zoroastrismus, des Mithraismus und anderer alter mesopotamischer Religionen in sich trägt. Man kann sich das wie eine Art religiöser Schmelztiegel vorstellen, in dem sich verschiedene Glaubensvorstellungen vermischt und zu etwas Neuem, Einzigartigem geformt haben.
Scheich Adi ibn Musafir, ein Sufi-Mystiker, der im 12. Jahrhundert lebte, spielt eine zentrale Rolle in der yezidischen Religion. Er reformierte den Glauben und gab ihm viele der Merkmale, die wir heute kennen. Sein Grab in Lalish, im Nordirak, ist das wichtigste Heiligtum der Yeziden und ein Ort von immenser spiritueller Bedeutung. Es ist ein Ort, den man unbedingt besuchen sollte, wenn man in die Welt des Yezidismus eintauchen möchte. Die Atmosphäre dort ist unglaublich friedlich und andächtig. Ich selbst habe Stunden damit verbracht, einfach nur dazusitzen und die Stille auf mich wirken zu lassen.
Der Engel Pfau: Melek Taus
Ein weiteres zentrales Element des Yezidismus ist die Verehrung von Melek Taus, dem Engel Pfau. Melek Taus gilt als der mächtigste aller Engel und als Stellvertreter Gottes auf Erden. Er wird oft missverstanden und fälschlicherweise mit dem Teufel in Verbindung gebracht, was zu unzähligen Verfolgungen geführt hat. In Wirklichkeit ist Melek Taus ein Symbol für Gottes Barmherzigkeit und die Möglichkeit der Erlösung. Für Yeziden ist er derjenige, der die Welt lenkt und die göttliche Ordnung aufrechterhält.
Die Darstellung von Melek Taus als Pfau rührt wahrscheinlich von der Schönheit und Pracht des Vogels her, der in vielen Kulturen als Symbol für Macht und Erneuerung gilt. Es ist wichtig zu verstehen, dass die Yeziden Melek Taus nicht als böse Macht verehren, sondern als einen Engel, der eine wichtige Rolle in der göttlichen Schöpfung spielt.
Kontroversen und Missverständnisse
Die Geschichte der Yeziden ist von Verfolgungen und Missverständnissen geprägt. Aufgrund ihrer einzigartigen Glaubensvorstellungen und der Verehrung von Melek Taus wurden sie oft fälschlicherweise als "Teufelsanbeter" diffamiert. Diese falschen Anschuldigungen führten im Laufe der Jahrhunderte zu unzähligen Pogromen und Massakern. Die jüngsten Gräueltaten durch den IS im Jahr 2014 sind nur die jüngste Tragödie in einer langen Reihe von Leiden.
Diese Verfolgungen haben dazu geführt, dass die Yeziden ihre religiösen Praktiken oft im Geheimen ausüben mussten und wenig Aufzeichnungen über ihre Geschichte hinterlassen konnten. Das macht es noch schwieriger, die genaue Entstehungszeit ihres Glaubens zu bestimmen. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass die Yeziden eine friedliebende Gemeinschaft sind, die ihre Traditionen und ihre Kultur bewahren möchte.
Die Kultur der Yeziden: Mehr als nur Religion
Die yezidische Kultur ist reichhaltig und vielfältig, geprägt von traditionellen Bräuchen, Musik, Tanz und einer engen Gemeinschaft. Die Familie und die Stammeszugehörigkeit spielen eine wichtige Rolle im Leben der Yeziden. Sie sprechen Kurdisch und leben hauptsächlich im Nordirak, aber es gibt auch yezidische Gemeinden in anderen Teilen der Welt, insbesondere in Deutschland, Russland und Armenien.
Wenn man die Möglichkeit hat, eine yezidische Gemeinde zu besuchen, sollte man diese Gelegenheit unbedingt nutzen. Die Gastfreundschaft der Yeziden ist legendär. Sie sind stolz auf ihre Kultur und freuen sich, diese mit anderen zu teilen. Ich selbst wurde mit offenen Armen empfangen und durfte an traditionellen Festen und Zeremonien teilnehmen. Diese Erfahrungen haben mich tief berührt und meinen Blick auf die Welt verändert.
Einige Empfehlungen für Reisende, die mehr über die Yeziden erfahren möchten:
- Besucht Lalish: Das Heiligtum in Lalish ist das spirituelle Zentrum der Yeziden und ein Ort von unglaublicher Bedeutung.
- Respektiert die Traditionen: Beachtet die lokalen Bräuche und Kleiderordnungen, besonders in heiligen Stätten.
- Lernt Kurdisch: Auch nur ein paar grundlegende Phrasen auf Kurdisch werden sehr geschätzt.
- Unterstützt die lokale Wirtschaft: Kauft Souvenirs und Produkte von yezidischen Handwerkern.
- Seid offen und neugierig: Stellt Fragen und zeigt echtes Interesse an der yezidischen Kultur und Geschichte.
Fazit: Eine Frage der Perspektive
Um auf die ursprüngliche Frage zurückzukommen: Seit wann gibt es Yeziden? Eine endgültige Antwort ist schwer zu geben. Archäologische Beweise und historische Aufzeichnungen sind rar. Die Yeziden selbst sehen ihren Glauben als uralt an, als einen Glauben, der sich über Jahrtausende entwickelt hat und Elemente verschiedener Kulturen und Religionen in sich vereint. Es ist weniger eine Frage der Datierung als vielmehr eine Frage der Perspektive. Es geht darum, die Geschichte und die Kultur einer Gemeinschaft zu verstehen, die trotz unzähliger Widrigkeiten ihren Glauben und ihre Identität bewahrt hat.
Meine Reise in die Welt des Yezidismus war eine unglaublich bereichernde Erfahrung. Ich habe gelernt, dass es oft mehr als eine Wahrheit gibt und dass die Geschichte immer aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden muss. Wenn ihr die Möglichkeit habt, die Yeziden zu besuchen und mehr über ihre Kultur zu erfahren, kann ich euch das nur wärmstens empfehlen. Es ist eine Reise, die ihr nie vergessen werdet. Und vielleicht, so wie ich, werdet auch ihr mit neuen Augen auf die Welt blicken. Vergesst nie, dass jede Kultur, jede Religion und jede Gemeinschaft eine Geschichte zu erzählen hat, die es wert ist, gehört zu werden.
