Shall I Compare Thee To
Der Ausdruck "Soll ich dich einem Sommerabend vergleichen?" (engl. "Shall I compare thee to a summer's day?") ist eine der bekanntesten Zeilen in der englischsprachigen Literatur. Sie stammt aus Sonett 18 von William Shakespeare. Dieses Sonett, und die Frage darin, ist jedoch viel mehr als nur eine romantische Floskel. Es ist ein tiefgründiges Gedicht über Schönheit, Vergänglichkeit und die Macht der Kunst, diese zu überwinden. Für Expats, Neuankömmlinge und alle, die sich mit der englischen Sprache und Kultur auseinandersetzen, ist das Verständnis dieses Sonetts nicht nur eine Bereicherung des literarischen Wissens, sondern auch ein Einblick in die Denkweise und Werte, die in der englischsprachigen Welt geschätzt werden.
Die Struktur und der Inhalt des Sonetts
Ein Sonett ist eine Gedichtform mit 14 Zeilen, die einem bestimmten Reimschema und Metrum folgt. Das Shakespeare-Sonett, auch bekannt als englisches Sonett, besteht aus drei Quartetten (Vierzeiler) und einem abschließenden Couplet (Zweizeiler). Das Reimschema ist ABAB CDCD EFEF GG. Das Metrum ist in der Regel Jambischer Pentameter, das heißt, jede Zeile besteht aus fünf Jamben, wobei ein Jambus eine unbetonte Silbe gefolgt von einer betonten Silbe ist.
Sonett 18 folgt dieser Struktur genau. Um den Inhalt besser zu verstehen, betrachten wir die einzelnen Quartette und das Couplet genauer:
Das Erste Quartett: Die Frage und die erste Einschränkung
Soll ich dich einem Sommerabend vergleichen?
Du bist lieblicher und gemäßigter.
Raue Winde schütteln die holden Knospen des Mai,
Und Sommers Pacht hat viel zu kurzes Datum.
Die erste Zeile stellt die rhetorische Frage, die das gesamte Sonett prägt. Der Sprecher überlegt, ob er die geliebte Person mit einem Sommerabend vergleichen soll. Die zweite Zeile beantwortet diese Frage sofort mit einem klaren "Nein". Die geliebte Person ist "lieblicher und gemäßigter" (engl. "more lovely and more temperate") als ein Sommerabend. Dies ist der erste Hinweis darauf, dass das Sonett nicht einfach nur eine Lobeshymne auf die Schönheit der Natur ist.
Die dritte und vierte Zeile erklären die Gründe für diese Ablehnung. Ein Sommerabend ist unbeständig. "Raue Winde" (engl. "Rough winds") können die Blüten des Mai zerstören, und die "Pacht" (engl. "lease") des Sommers ist begrenzt. Mit anderen Worten, der Sommer ist vergänglich und unberechenbar.
Das Zweite Quartett: Die Unvollkommenheiten des Sommers
Manchmal scheint das Auge des Himmels zu heiß,
Und oft ist sein goldenes Antlitz verdunkelt;
Und jedes Schöne weicht irgendwann vom Schönen ab,
Vom Zufall oder der wechselnden Natur entstellt.
Dieses Quartett beschreibt weitere Unvollkommenheiten des Sommers. Die Sonne, das "Auge des Himmels" (engl. "eye of heaven"), kann zu heiß scheinen, und oft wird sie von Wolken verdunkelt. Die Schönheit der Natur ist also nicht konstant. Die dritte und vierte Zeile dieses Quartetts sind von allgemeiner Bedeutung. Sie besagen, dass alles Schöne irgendwann seine Schönheit verliert. Dies kann durch Zufall geschehen oder durch die "wechselnde Natur" (engl. "nature's changing course"). Mit anderen Worten: Alles ist der Vergänglichkeit unterworfen.
Das Dritte Quartett: Die Überwindung der Vergänglichkeit
Doch dein ew'ger Sommer soll nicht verbleichen,
Noch Schönheit verlieren, die du besitzt;
Noch soll der Tod dich Schatten wandeln sehen,
Wenn du in ew'gen Zeilen wächst.
Dieses Quartett markiert einen entscheidenden Wendepunkt im Sonett. Im Gegensatz zum vergänglichen Sommer soll der "ew'ge Sommer" (engl. "eternal summer") der geliebten Person nicht vergehen. Ihre Schönheit soll nicht verloren gehen, und sie soll nicht sterben. Der Schlüssel zur Überwindung der Vergänglichkeit liegt in den "ew'gen Zeilen" (engl. "eternal lines"), also dem Gedicht selbst. Durch die Kunst wird die Schönheit der geliebten Person für immer bewahrt.
Das Couplet: Die Unsterblichkeit des Gedichts
Solange Menschen atmen oder Augen sehen können,
So lange lebt dies, und dies gibt dir Leben.
Das abschließende Couplet bekräftigt die Macht der Kunst. Solange es Menschen gibt, die das Gedicht lesen können, wird es die geliebte Person am Leben erhalten. Das Gedicht wird somit zum Mittel der Unsterblichkeit. Die geliebte Person wird nicht im physischen Sinne unsterblich, sondern in dem Sinne, dass ihre Schönheit und ihr Andenken durch das Gedicht für immer bewahrt werden.
Die Bedeutung des Sonetts für Expats und Neuankömmlinge
Für Expats und Neuankömmlinge, die sich mit der englischen Sprache und Kultur auseinandersetzen, bietet Sonett 18 mehrere wichtige Einblicke:
- Kulturelles Verständnis: Das Sonett ist ein Eckpfeiler der englischen Literatur und wird in vielen Kontexten zitiert und referenziert. Das Verständnis des Sonetts ermöglicht es, kulturelle Anspielungen und Referenzen besser zu erkennen und zu verstehen.
- Sprachliche Feinheiten: Das Sonett demonstriert die Schönheit und Komplexität der englischen Sprache. Die Verwendung von Metaphern, Symbolen und rhythmischen Mustern trägt zur Ausdruckskraft des Gedichts bei. Die Analyse des Sonetts kann dazu beitragen, das Sprachgefühl und das Verständnis für die englische Sprache zu verbessern.
- Thematische Relevanz: Die Themen Schönheit, Vergänglichkeit und die Macht der Kunst sind universell und zeitlos. Sie sind auch für Expats und Neuankömmlinge relevant, die sich mit neuen Umgebungen, Kulturen und Erfahrungen auseinandersetzen. Das Sonett kann dazu anregen, über die eigene Vergänglichkeit nachzudenken und die Schönheit des Lebens in vollen Zügen zu genießen.
- Kommunikation: Das Zitieren von Shakespeare oder das Anspielen auf seine Werke kann in bestimmten sozialen und beruflichen Kontexten ein Zeichen von Bildung und Kultiviertheit sein. Das Verständnis von Sonett 18 kann dazu beitragen, sich in solchen Situationen selbstbewusster und kompetenter zu fühlen.
Interpretation und Analyse
Es gibt verschiedene Interpretationen von Sonett 18. Einige Interpretationen betonen die romantische Liebe des Sprechers für die geliebte Person, während andere die Bedeutung der Kunst als Mittel zur Überwindung der Vergänglichkeit hervorheben. Es ist wichtig zu beachten, dass es keine "richtige" Interpretation gibt. Das Sonett ist offen für verschiedene Lesarten, und jede Lesart kann wertvolle Einblicke in die Themen und Botschaften des Gedichts bieten.
Einige Aspekte, die bei der Interpretation des Sonetts berücksichtigt werden können, sind:
- Die Identität der geliebten Person: Es ist nicht bekannt, wer die geliebte Person in Sonett 18 ist. Einige Gelehrte glauben, dass es sich um einen jungen Mann handelt, während andere argumentieren, dass es sich um eine Frau handelt. Die Identität der geliebten Person ist jedoch nicht entscheidend für das Verständnis des Sonetts.
- Die Rolle der Natur: Die Natur spielt eine wichtige Rolle im Sonett. Der Sommerabend dient als Vergleichsobjekt für die geliebte Person, und die Unvollkommenheiten des Sommers werden genutzt, um die Vergänglichkeit der Schönheit zu verdeutlichen.
- Die Bedeutung der Kunst: Die Kunst wird im Sonett als Mittel zur Überwindung der Vergänglichkeit dargestellt. Das Gedicht selbst wird zum Medium, durch das die Schönheit der geliebten Person für immer bewahrt wird.
Fazit
Sonett 18 von William Shakespeare ist ein komplexes und vielschichtiges Gedicht, das über die einfache Frage "Soll ich dich einem Sommerabend vergleichen?" weit hinausgeht. Es ist eine Reflexion über Schönheit, Vergänglichkeit und die Macht der Kunst. Für Expats, Neuankömmlinge und alle, die sich mit der englischen Sprache und Kultur auseinandersetzen, bietet das Sonett wertvolle Einblicke in die Denkweise und Werte, die in der englischsprachigen Welt geschätzt werden. Durch das Verständnis des Sonetts können sie ihr kulturelles Wissen erweitern, ihr Sprachgefühl verbessern und sich selbstbewusster in neuen Umgebungen bewegen. Die zeitlose Botschaft des Sonetts über die Schönheit des Lebens und die Kraft der Kunst, diese zu bewahren, ist auch heute noch relevant und inspirierend.
