Simple Present Or Simple Past
Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist ein fundamentaler Bestandteil menschlicher Erfahrung. Museen, als Hüter des kollektiven Gedächtnisses, tragen eine besondere Verantwortung bei der Vermittlung historischer Ereignisse und Entwicklungen. Die Art und Weise, wie Museen die Vergangenheit präsentieren, prägt unser Verständnis der Gegenwart und unsere Vorstellungen von der Zukunft. Eine zentrale Herausforderung liegt dabei in der Wahl der geeigneten Zeitform: Soll die Vergangenheit im Simple Present oder im Simple Past erzählt werden?
Die didaktische Implikation der Zeitform
Das Simple Past, die einfache Vergangenheitsform, scheint auf den ersten Blick die naheliegende Wahl, um historische Fakten und Ereignisse zu beschreiben. Sie suggeriert einen abgeschlossenen Zustand, eine in der Vergangenheit liegende Realität, die objektiv rekonstruiert werden kann. Beispielsweise könnte eine Ausstellung über den Zweiten Weltkrieg mit Sätzen wie "Deutschland annektierte Österreich im Jahr 1938" oder "Die Schlacht von Stalingrad dauerte von 1942 bis 1943" arbeiten. Diese Formulierungen vermitteln den Eindruck einer abgeschlossenen, unveränderlichen Geschichte.
Die Verwendung des Simple Present, der einfachen Gegenwartsform, in der Darstellung historischer Ereignisse mag zunächst ungewöhnlich erscheinen. Doch sie birgt ein erhebliches didaktisches Potential. Das Präsens erzeugt eine Unmittelbarkeit, eine Präsenz der Vergangenheit in der Gegenwart. Es lässt historische Prozesse lebendig und relevant erscheinen. Ein Museum könnte beispielsweise eine Beschreibung der Industrialisierung mit Sätzen wie "Die Dampfmaschine revolutioniert die Produktion" oder "Arbeiter ziehen in die Städte, um in Fabriken zu arbeiten" gestalten. Durch diese Formulierung wird die Industrialisierung nicht als ein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte präsentiert, sondern als ein fortlaufender Prozess, der bis heute unsere Gesellschaft prägt.
Die Erfahrung des Besuchers
Die Wahl der Zeitform beeinflusst maßgeblich die Erfahrung des Besuchers. Das Simple Past kann eine gewisse Distanz schaffen, eine Wahrnehmung der Vergangenheit als etwas Abgeschlossenes, das uns zwar betrifft, aber nicht direkt berührt. Dies kann durchaus seine Berechtigung haben, insbesondere bei der Darstellung traumatischer Ereignisse, bei denen eine gewisse emotionale Distanzierung notwendig sein kann, um die Fakten zu erfassen und zu verarbeiten.
Das Simple Present hingegen kann eine stärkere emotionale Beteiligung des Besuchers hervorrufen. Indem die Vergangenheit in die Gegenwart geholt wird, werden die Besucher dazu angeregt, sich mit den historischen Akteuren zu identifizieren, deren Motive und Entscheidungen nachzuvollziehen und die Auswirkungen ihrer Handlungen auf die heutige Zeit zu reflektieren. Dies kann zu einem tieferen Verständnis der historischen Zusammenhänge und zu einer stärkeren Auseinandersetzung mit den eigenen Werten und Überzeugungen führen.
Ein Beispiel: Eine Ausstellung über die Bürgerrechtsbewegung in den USA könnte mit Sätzen im Simple Past die historischen Fakten darstellen ("Rosa Parks weigerte sich, ihren Sitzplatz im Bus für einen weißen Fahrgast freizumachen"). Gleichzeitig könnte sie aber auch im Simple Present die Auswirkungen der Bewegung auf die heutige Gesellschaft beleuchten ("Die Bürgerrechtsbewegung kämpft für Gleichberechtigung und soziale Gerechtigkeit, und ihre Ideale inspirieren bis heute Aktivisten auf der ganzen Welt").
Die Authentizität der Darstellung
Ein weiterer wichtiger Aspekt bei der Wahl der Zeitform ist die Frage der Authentizität. Das Simple Past vermittelt oft den Eindruck einer objektiven, neutralen Darstellung der Vergangenheit. Es suggeriert, dass die Geschichte "so" war, wie sie dargestellt wird. Dies kann jedoch problematisch sein, da Geschichte immer eine Interpretation ist, eine Konstruktion, die von den Perspektiven und Interessen derjenigen beeinflusst wird, die sie erzählen. Die Verwendung des Simple Present kann dazu beitragen, diese Konstruktionsprozesse offenzulegen, indem sie die Vergangenheit als etwas Lebendiges, Dynamisches und Interpretationsbedürftiges darstellt.
Es ist wichtig zu betonen, dass die Entscheidung für das Simple Present oder das Simple Past keine Frage von "richtig" oder "falsch" ist. Beide Zeitformen haben ihre Vor- und Nachteile, und die Wahl hängt von den spezifischen Zielen und Inhalten der Ausstellung ab. Eine sinnvolle Strategie kann darin bestehen, beide Zeitformen zu kombinieren, um die Vorteile beider zu nutzen.
Ein ausgewogener Ansatz
Eine Ausstellung könnte beispielsweise im Simple Past die historischen Fakten darstellen, um eine solide Grundlage für das Verständnis der Ereignisse zu schaffen. Gleichzeitig könnte sie aber auch im Simple Present die Relevanz der Vergangenheit für die Gegenwart betonen und die Besucher dazu anregen, sich mit den ethischen und politischen Implikationen der Geschichte auseinanderzusetzen.
Die Herausforderung für Museen besteht darin, eine ausgewogene Darstellung der Vergangenheit zu bieten, die sowohl die historischen Fakten als auch die subjektiven Erfahrungen und Interpretationen berücksichtigt. Die Wahl der Zeitform spielt dabei eine entscheidende Rolle.
Letztendlich sollte die Entscheidung für das Simple Present oder das Simple Past von einer sorgfältigen Analyse der Zielgruppe, der Inhalte und der didaktischen Ziele der Ausstellung abhängen. Museen sollten sich bewusst sein, dass die Wahl der Zeitform nicht nur eine stilistische Entscheidung ist, sondern auch eine politische, die unser Verständnis der Vergangenheit und unsere Vorstellungen von der Zukunft prägt.
Die kritische Reflexion über die Wahl der Zeitform in musealen Darstellungen ist unerlässlich, um die Vermittlung historischer Inhalte zu optimieren und eine tiefergehende Auseinandersetzung der Besucher mit der Vergangenheit zu ermöglichen. Nur so können Museen ihrer Rolle als zentrale Akteure der Geschichtskultur gerecht werden und einen wertvollen Beitrag zur gesellschaftlichen Bildung leisten.
