Sokrates Ich Weiss Dass Ich Nichts Weiss
Sokrates' berühmter Ausspruch "Ich weiß, dass ich nichts weiß" (im Original altgriechisch: "ἓν οἶδα ὅτι οὐδὲν οἶδα" – hen oida hoti ouden oida) ist ein zentraler Punkt seiner Philosophie und ein häufig missverstandenes Konzept. Für Neuankömmlinge in der Welt der Philosophie oder auch für Einheimische, die sich mit Sokrates auseinandersetzen, kann es hilfreich sein, diesen Satz genauer zu betrachten und seine Bedeutung im Kontext seines Lebens und Denkens zu verstehen.
Was Sokrates nicht meinte
Es ist wichtig zu betonen, was Sokrates nicht mit diesem Ausspruch meinte. Er behauptete nicht, dumm oder unwissend zu sein im Sinne eines kompletten Wissensmangels. Er war ein hochgebildeter Mann, der sich intensiv mit den Fragen seiner Zeit auseinandersetzte. Er war nicht jemand, der jegliche Faktenkenntnis verleugnete. Stattdessen sollten wir seine Aussage als Ausdruck einer tieferen philosophischen Einsicht interpretieren.
Der Kontext: Sokrates' Methode und sein Auftrag
Um die Bedeutung des Ausspruchs zu verstehen, muss man Sokrates' Methode und seinen selbst auferlegten Auftrag kennen. Sokrates verbrachte sein Leben damit, durch Athen zu wandern und die Menschen, die er traf, zu befragen. Er diskutierte mit Politikern, Dichtern, Handwerkern und anderen Bürgern über Tugend, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Frömmigkeit und andere wichtige Konzepte. Seine Methode war die sogenannte Sokratische Methode, auch bekannt als Mäeutik (Hebammenkunst).
Die Sokratische Methode beinhaltet im Wesentlichen folgende Schritte:
- Sokrates gibt vor, nichts über das Thema zu wissen.
- Er bittet seinen Gesprächspartner, eine Definition oder Erklärung für das Thema zu liefern.
- Sokrates hinterfragt die gegebene Definition durch gezielte Fragen. Er versucht, Widersprüche, Inkonsistenzen oder Unklarheiten in der Argumentation seines Gesprächspartners aufzudecken.
- Durch diese fortlaufende Befragung und Kritik wird der Gesprächspartner oft dazu gebracht, seine ursprüngliche Definition zu verwerfen oder zu modifizieren.
- Am Ende steht oft die Erkenntnis, dass weder Sokrates noch sein Gesprächspartner eine zufriedenstellende Antwort auf die ursprüngliche Frage haben.
Sokrates sah sich selbst als eine Art "geistige Hebamme". Er glaubte, dass Wahrheit und Wissen bereits in den Menschen vorhanden sind, aber oft verborgen oder unklar. Durch seine Fragen wollte er den Menschen helfen, dieses verborgene Wissen zu "gebären" und Klarheit über ihre eigenen Überzeugungen zu gewinnen.
Sein Auftrag, so sah er es, kam von der Delphischen Pythia, dem Orakel von Delphi. Dieses hatte verkündet, Sokrates sei der weiseste Mann Athens. Sokrates war zunächst verwirrt, da er selbst sich nicht als weise empfand. Um das Orakel zu widerlegen, begann er, die vermeintlich Weisen Athens zu befragen. Dabei stellte er fest, dass diese zwar oft viel von sich behaupteten, aber bei genauerer Betrachtung wenig tatsächliches Wissen besaßen. Sie waren sich ihrer eigenen Unwissenheit nicht bewusst, was Sokrates' eigentlicher Punkt war.
Die Bedeutung der Aussage: Bewusstsein der eigenen Grenzen
Sokrates erkannte, dass sein einziger Vorteil gegenüber den anderen vermeintlich Weisen darin bestand, dass er sich seiner eigenen Unwissenheit bewusst war. Er wusste, dass er nicht alles wusste, und er war bereit, dies zuzugeben. Dies ermöglichte ihm, offen für neue Informationen und Perspektiven zu sein und kritisch zu hinterfragen, was er zu wissen glaubte.
Die Aussage "Ich weiß, dass ich nichts weiß" ist also kein Ausdruck von Demut im herkömmlichen Sinne, sondern eine philosophische Erkenntnis. Sie beinhaltet:
- Das Bewusstsein der Grenzen des menschlichen Wissens: Sokrates erkannte, dass das menschliche Wissen begrenzt und unvollständig ist. Es gibt immer mehr zu lernen und zu entdecken.
- Die Bereitschaft zur Selbstkritik: Sokrates war bereit, seine eigenen Überzeugungen und Annahmen kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls zu verwerfen.
- Die Offenheit für neue Perspektiven: Sokrates war offen für die Meinungen und Ideen anderer Menschen und bereit, von ihnen zu lernen.
- Die Ablehnung von Scheinwissen: Sokrates verachtete Menschen, die vorgaben, etwas zu wissen, obwohl sie in Wirklichkeit unwissend waren.
Diese Erkenntnis ist essentiell für philosophisches Denken und persönliches Wachstum. Wenn man sich seiner eigenen Unwissenheit bewusst ist, ist man eher bereit, Fragen zu stellen, nach Antworten zu suchen und sich weiterzuentwickeln. Man wird demütiger und toleranter gegenüber anderen Meinungen.
Die Relevanz für heute
Auch heute, Jahrhunderte nach Sokrates' Tod, ist seine Philosophie hochaktuell. In einer Welt, die von Informationen überschwemmt wird und in der Fake News und alternative Fakten weit verbreitet sind, ist es wichtiger denn je, kritisch zu denken, seine eigenen Annahmen zu hinterfragen und sich seiner eigenen Grenzen bewusst zu sein.
Sokrates' Methode kann uns helfen,:
- Informationen kritisch zu bewerten: Wir sollten nicht alles glauben, was wir hören oder lesen, sondern Quellen hinterfragen und verschiedene Perspektiven berücksichtigen.
- Unsere eigenen Überzeugungen zu hinterfragen: Wir sollten uns fragen, warum wir bestimmte Dinge glauben und ob es Beweise für unsere Überzeugungen gibt.
- Offen für andere Meinungen zu sein: Wir sollten bereit sein, uns mit Menschen auseinanderzusetzen, die anderer Meinung sind als wir, und von ihnen zu lernen.
- Demütig zu bleiben: Wir sollten uns daran erinnern, dass wir nicht alles wissen und dass es immer mehr zu lernen gibt.
Sokrates' Vermächtnis ist die Aufforderung, ein Leben lang zu lernen, kritisch zu denken und sich der eigenen Unwissenheit bewusst zu sein. Dies ist ein anspruchsvoller, aber lohnender Weg, um ein erfülltes und sinnvolles Leben zu führen.
Praktische Anwendung im Alltag
Wie kann man die sokratische Philosophie im Alltag anwenden? Hier einige konkrete Beispiele:
- In Diskussionen: Anstatt sofort seine eigene Meinung zu verteidigen, sollte man zunächst versuchen, die Argumente des Gesprächspartners zu verstehen und kritisch zu hinterfragen.
- Beim Lesen von Nachrichten: Man sollte verschiedene Quellen konsultieren und prüfen, ob die Informationen glaubwürdig und objektiv sind.
- Bei der Entscheidungsfindung: Man sollte alle relevanten Fakten berücksichtigen und sich der möglichen Konsequenzen bewusst sein.
- Im Umgang mit anderen Menschen: Man sollte respektvoll und tolerant sein, auch wenn man anderer Meinung ist.
Indem man sich bewusst macht, dass man nicht alles weiß und dass es immer mehr zu lernen gibt, kann man ein offenerer, toleranterer und informierterer Mensch werden. Sokrates' "Ich weiß, dass ich nichts weiß" ist kein Eingeständnis von Dummheit, sondern ein Aufruf zur Weisheit.
Abschließend lässt sich sagen, dass Sokrates' Aussage ein Aufruf zur intellektuellen Demut und zur ständigen Suche nach Wahrheit ist. Es ist ein Plädoyer für kritisches Denken und gegen dogmatisches Festhalten an Meinungen. Gerade in einer komplexen und schnelllebigen Welt ist diese sokratische Haltung von unschätzbarem Wert.
