Sturm Und Drang Literaturepoche
Stell dir vor, du bist ein Teenager. Voller Energie, Frustration, und dem unbändigen Wunsch, die Welt zu verändern. Deine Eltern verstehen dich nicht, die Schule ist doof, und überhaupt – alles ist total ungerecht! Klingt vertraut? Dann kennst du schon den Grundgedanken von Sturm und Drang, auch wenn du’s noch nicht wusstest.
Diese literarische Epoche, die so um 1765 bis 1785 in Deutschland tobte, war im Grunde eine riesige pubertäre Phase der deutschen Literatur. Weg mit den alten Zöpfen, her mit der Freiheit und den Emotionen! Die Aufklärung mit ihrer Vernunft und Ordnung hatte ausgedient. Jetzt kamen die Gefühle, die Leidenschaft, der Aufschrei gegen die Autoritäten!
Die Rebellen der Feder
Die Stürmer und Dränger, wie man die Autoren dieser Zeit nannte, waren sowas wie die Punkrocker des 18. Jahrhunderts. Sie wollten provozieren, anecken und vor allem ehrlich sein. Sie schrieben über das, was sie wirklich bewegte: Liebe, Hass, Wut, Verzweiflung, Freiheit, Unterdrückung. Alles wurde mit einer Intensität und Direktheit auf den Tisch geknallt, die vorher undenkbar gewesen wäre.
Einer der bekanntesten Stürmer und Dränger war natürlich Johann Wolfgang von Goethe. Ja, genau, der mit dem Faust. Aber bevor er zum Staatsmann und Dichterfürsten wurde, schrieb er Die Leiden des jungen Werther. Und dieses Buch schlug ein wie eine Bombe! Werther, ein junger Mann, der unsterblich in eine vergebene Frau verliebt ist, stürzt sich am Ende ins Elend und begeht Selbstmord. Das Buch war so emotional und so direkt, dass es eine regelrechte Werther-Fieber auslöste. Junge Männer kopierten Werthers Kleidung, lasen das Buch inbrünstig und… naja, einige nahmen sich leider auch ein Beispiel an seinem tragischen Ende. Das Buch wurde sogar zeitweise verboten, weil man Angst vor Nachahmungstätern hatte!
Nicht nur Goethe…
Aber Goethe war natürlich nicht der Einzige. Friedrich Schiller, der später mit Goethe eine enge Freundschaft schloss (die sogenannte Weimarer Klassik), war auch ein wichtiger Stürmer und Dränger. Sein Drama Die Räuber ist ein wilder Aufschrei gegen die soziale Ungerechtigkeit und die Willkür der Obrigkeit. Es geht um zwei Brüder, von denen einer von seinem Vater enterbt wird und sich daraufhin mit einer Bande von Räubern zusammentut. Das Stück ist voller Gewalt, Pathos und großen Gefühlen. Man kann sich richtig vorstellen, wie das Publikum damals im Theater saß und mitfieberte – oder vielleicht auch vor Entsetzen die Hände vors Gesicht schlug.
Und dann gab es noch Jakob Michael Reinhold Lenz, einen etwas vergessenen, aber nicht minder wichtigen Stürmer und Dränger. Er schrieb Dramen, die oft sehr realistisch und schonungslos das Leben der einfachen Leute darstellten. Seine Figuren waren keine strahlenden Helden, sondern oft einfache, verwirrte und leidende Menschen. Man könnte sagen, Lenz war der Vorreiter des sozialen Realismus.
Was macht den Sturm und Drang so besonders?
Der Sturm und Drang war eine Zeit des Umbruchs und der Rebellion. Die Autoren dieser Epoche stellten die alten Werte in Frage und suchten nach neuen Ausdrucksformen. Sie wollten die Wahrheit zeigen, auch wenn sie hässlich war. Sie wollten die Gefühle der Menschen wecken, auch wenn sie schmerzhaft waren.
Und genau das macht den Sturm und Drang auch heute noch so lesenswert. Die Themen, die diese Autoren behandelt haben, sind immer noch aktuell: die Suche nach Identität, die Auseinandersetzung mit Autoritäten, der Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit. Die Art und Weise, wie sie diese Themen angegangen sind, ist vielleicht manchmal etwas übertrieben und pathetisch, aber immer ehrlich und leidenschaftlich.
„Genie!“, riefen sie. „Genie ist, wer das Feuer in sich hat! Wer sich von seinen Gefühlen leiten lässt! Wer sich nicht um Regeln und Konventionen schert!“
Und genau das ist es, was den Sturm und Drang so besonders macht. Er ist wie ein wilder, ungestümer Sturm, der alles Alte hinwegfegt und Platz macht für Neues. Und er ist wie ein brennendes Feuer, das die Herzen der Menschen entfacht und sie dazu bringt, für ihre Ideale zu kämpfen.
Also, wenn du das nächste Mal das Gefühl hast, die Welt nicht zu verstehen, lies doch mal einen Sturm und Drang Text. Vielleicht findest du dort einen Seelenverwandten, der schon vor 250 Jahren genau dasselbe gefühlt hat.
Und wer weiß, vielleicht entdeckst du ja auch in dir selbst einen kleinen Stürmer und Dränger.
