Szenenanalyse Der Besuch Der Alten Dame Seite 61 66
Diese Szenenanalyse behandelt die Textstelle von Seite 61 bis 66 in Friedrich Dürrenmatts Tragikomödie Der Besuch der alten Dame. Sie konzentriert sich auf den Beginn der öffentlichen Meinungsänderung in Güllen und die wachsende Bedrohung, die von Claire Zachanassian für Alfred Ill ausgeht. Diese Seiten sind entscheidend, da sie den Übergang von anfänglicher Skepsis und moralischer Empörung zu einer schleichenden Akzeptanz des unmoralischen Angebots der Milliardärin markieren.
Inhaltszusammenfassung (S. 61-66)
Die Szene beginnt mit Ills vergeblichen Versuchen, die Güllener von Claire Zachanassians Angebot abzubringen. Er geht von Laden zu Laden, versucht, einen Kredit aufzunehmen, und bittet um Hilfe. Doch seine Anliegen werden zunehmend ignoriert oder abgewiesen. Er bemerkt subtile Veränderungen im Verhalten der Güllener: neue Schuhe, teurerer Konsum, Gespräche über eine rosige Zukunft – alles Anzeichen dafür, dass sie innerlich bereits eine Entscheidung getroffen haben. Ill, der zunächst noch auf die Solidarität seiner Mitbürger hoffte, erkennt langsam die ausweglose Situation.
Besonders deutlich wird die Veränderung im Verhalten des Polizisten und des Lehrers. Beide demonstrieren anfänglich noch eine gewisse moralische Integrität, doch diese bröckelt zunehmend. Der Polizist, der Ill verspricht, ihn zu beschützen, weicht seinen Blicken aus und rechtfertigt seine Untätigkeit mit dem Argument, dass er keine Beweise für eine Bedrohung habe. Der Lehrer, einst Ills Freund, versucht, seine Gewissensbisse mit philosophischen Ausflüchten zu betäuben.
Die Szene kulminiert in Ills Zusammenbruch. Er ist verzweifelt, desillusioniert und erkennt, dass er allein gegen die kollektive Gier der Güllener steht.
Detaillierte Analyse
Ills Vergebliche Appelle (S. 61-63)
Ills Gang durch die Güllener Geschäfte ist ein Schlüsselmoment der Szene. Es zeigt auf eindrückliche Weise die Veränderung der Atmosphäre in der Stadt. Anfangs war er noch ein angesehenes Mitglied der Gemeinschaft, jetzt wird er gemieden und misstrauisch beäugt. Seine Hilferufe verhallen ungehört.
Beispiel: Sein Versuch, im Lebensmittelgeschäft einen Kredit zu bekommen, wird mit der Begründung abgelehnt, dass die Geschäfte schlecht laufen. Gleichzeitig bemerkt er aber, dass die Kunden teure Waren kaufen, die sie sich früher nicht leisten konnten. Dieser Widerspruch verdeutlicht die Heuchelei der Güllener.
Dürrenmatt verwendet hier eine ironische Distanz. Die Güllener leugnen zwar, dass sie an Claire Zachanassians Angebot denken, doch ihr Verhalten spricht eine andere Sprache. Der Autor entlarvt die Mechanismen der Verdrängung und Selbsttäuschung, die in der Kleinstadt herrschen.
Die Rolle von Polizist und Lehrer (S. 63-65)
Der Polizist und der Lehrer repräsentieren die staatliche Autorität und die moralische Instanz der Gesellschaft. Ihr Versagen, Ill zu schützen, ist ein vernichtendes Urteil über die Korrumpierbarkeit der Institutionen.
Der Polizist argumentiert, er könne nicht eingreifen, solange keine Straftat begangen wurde. Diese Passivität ist jedoch eine Form der Mittäterschaft. Er ignoriert die offensichtliche Gefahr und rechtfertigt sein Handeln mit formaljuristischen Argumenten.
Der Lehrer versucht, sein schlechtes Gewissen mit philosophischen Erwägungen zu betäuben. Er redet sich ein, dass Ills Tod vielleicht sogar eine höhere Gerechtigkeit diene. Diese intellektuelle Rechtfertigung des Unrechts ist besonders perfide. Sie zeigt, wie leicht sich Menschen von ihren moralischen Prinzipien entfernen können, wenn es um ihren eigenen Vorteil geht.
Zitat (Lehrer, S. 65): "Ich bin ein Humanist, Ill. Ich kann Ihnen nicht helfen." Dieses Zitat ist ein zentraler Punkt der Szene. Es zeigt die Ohnmacht der Humanität angesichts der Macht des Geldes.
Ills Zusammenbruch und Erkenntnis (S. 65-66)
Am Ende der Szene steht Ills Zusammenbruch. Er erkennt, dass er verlassen und verraten ist. Seine anfängliche Hoffnung auf Solidarität und Gerechtigkeit ist einer tiefen Desillusionierung gewichen.
Er akzeptiert sein Schicksal nicht einfach passiv. Er beginnt, über seine eigene Schuld nachzudenken und erkennt, dass er in der Vergangenheit selbst Fehler gemacht hat. Diese Selbsterkenntnis ist ein wichtiger Schritt auf seinem Weg zur Akzeptanz seines Todes.
Beispiel: Ills Gedanke: "Ich bin verloren" (S. 66) markiert den Punkt, an dem er seine ausweglose Lage erkennt. Es ist ein Moment der Verzweiflung, aber auch der Klarheit.
Sprachliche Gestaltung
Dürrenmatt verwendet in dieser Szene verschiedene sprachliche Mittel, um die Atmosphäre der Bedrohung und die moralische Verkommenheit der Güllener darzustellen:
- Ironie: Die Güllener leugnen ihre Gier, handeln aber gleichzeitig danach.
- Kontrast: Der Kontrast zwischen Ills Hilferufen und dem Verhalten der Güllener verstärkt die Tragik der Situation.
- Symbolik: Die neuen Schuhe und der teurere Konsum sind Symbole für die wachsende Gier der Güllener.
- Kurze, prägnante Sätze: Die Sprache ist oft lakonisch und direkt, was die Kälte und Entschlossenheit der Güllener unterstreicht.
Interpretation
Die Textstelle von Seite 61 bis 66 ist ein entscheidender Wendepunkt im Drama. Sie zeigt, wie die Macht des Geldes die moralischen Werte einer Gesellschaft untergraben kann. Dürrenmatt kritisiert die Korrumpierbarkeit der Menschen und die Heuchelei der bürgerlichen Gesellschaft.
Die Szene wirft auch Fragen nach der Verantwortung des Einzelnen auf. Können die Güllener für ihre Taten verantwortlich gemacht werden, oder sind sie nur Opfer der Umstände? Dürrenmatt gibt keine einfachen Antworten, sondern fordert den Leser zur eigenen Auseinandersetzung mit diesen Fragen auf.
Der Besuch der alten Dame ist eine Parabel über die Gefahren des Kapitalismus und die Notwendigkeit, moralische Prinzipien zu verteidigen, auch wenn dies mit persönlichen Opfern verbunden ist. Die Textstelle von Seite 61 bis 66 ist ein wichtiger Baustein, um diese Botschaft zu verstehen.
Zusammenfassende Stichpunkte
- Ills Versuche, Hilfe zu finden, scheitern an der Gier der Güllener.
- Polizist und Lehrer versagen als moralische Instanzen.
- Ill erkennt seine ausweglose Situation und beginnt, über seine eigene Schuld nachzudenken.
- Die Szene verdeutlicht die Korrumpierbarkeit der Menschen und die Macht des Geldes.
