Vera Sitzt Auf Dem Balkon Interpretation
Das Gedicht "Vera sitzt auf dem Balkon" von Mascha Kaléko ist ein kurzes, aber vielschichtiges Werk, das eine Momentaufnahme einer jungen Frau in der Weimarer Republik einfängt. Es bietet einen Einblick in das Lebensgefühl, die Hoffnungen und die Enttäuschungen einer Generation zwischen den Weltkriegen. Eine detaillierte Interpretation des Gedichts erfordert eine Analyse der Sprache, des Kontextes und der möglichen Intentionen der Dichterin.
Der Text des Gedichts
Bevor wir uns der Interpretation zuwenden, ist es wichtig, den Text des Gedichts vollständig zu betrachten:
Vera sitzt auf dem Balkon.
Ihre Strümpfe sind ein wenig lose.
Die Stadt ist grau, wie immer schon.
Und Vera macht sich nicht viel draus.
Sie wartet auf den ersten Brief.
Und trinkt den letzten Rest Kaffee.
Sie weiß genau: Es wird nicht lief.
Doch gibt sie noch die Hoffnung nie.
Sie raucht ganz langsam Zigarett.
Und denkt an irgendwen, entfernt.
Sie hat ihn früher sehr geliebt.
Jetzt ist es ihr egal, wer brennt.
Vera sitzt auf dem Balkon.
Die Strümpfe sind jetzt völlig lose.
Die Stadt ist grau, wie immer schon.
Nun ist ihr alles ganz famos.
Denn sie hat einen Entschluß gefaßt:
Sie heiratet den Mann mit Geld.
Er ist zwar alt, er ist verpaßt,
Doch besser als kein Mann auf der Welt.
Formale Analyse
Das Gedicht besteht aus fünf Strophen zu je vier Versen. Das Reimschema ist ein Kreuzreim (abab). Die Sprache ist einfach und umgangssprachlich, was typisch für Kalékos Stil ist. Diese Schlichtheit der Sprache steht im Kontrast zu den komplexen Emotionen und der gesellschaftlichen Kritik, die im Gedicht zum Ausdruck kommen. Die Wiederholung der ersten Strophe in leicht veränderter Form in der vierten Strophe betont die Zirkularität von Veras Situation und Entscheidung.
Inhaltliche Interpretation
Strophe 1: Die Ausgangssituation
Die erste Strophe stellt Vera in ihrer alltäglichen Umgebung vor. Sie sitzt auf dem Balkon, ihre Strümpfe sind ein wenig lose, und die Stadt ist grau. Diese Details vermitteln ein Gefühl von Tristesse und Monotonie. Der Satz "Und Vera macht sich nicht viel draus" deutet an, dass sie sich an diese Umgebung gewöhnt hat und eine gewisse Apathie entwickelt hat. Die Lose Strümpfe können als ein Zeichen ihrer Nachlässigkeit und vielleicht auch ihrer inneren Unordnung interpretiert werden.
Strophe 2: Hoffnung und Resignation
Die zweite Strophe offenbart Veras innere Zerrissenheit. Sie wartet auf einen Brief, wahrscheinlich von einem geliebten Menschen, trinkt aber gleichzeitig den letzten Rest Kaffee, was auf ein Ende hindeutet. Der Satz "Sie weiß genau: Es wird nicht lief" drückt eine tiefe Resignation aus. Trotzdem gibt sie die Hoffnung nicht auf. Diese Ambivalenz ist charakteristisch für Veras Zustand.
Strophe 3: Die verlorene Liebe
In der dritten Strophe wird angedeutet, dass Vera eine vergangene Liebe hatte. Sie raucht eine Zigarette und denkt an jemanden, der entfernt ist. Sie hat ihn früher sehr geliebt, aber jetzt scheint ihr gleichgültig zu sein, wer "brennt". Das "Brennen" kann metaphorisch für Leidenschaft oder Liebe stehen. Die Gleichgültigkeit, die sie empfindet, könnte eine Schutzreaktion vor weiterem Schmerz sein.
Strophe 4: Die Veränderung
Die vierte Strophe wiederholt die erste, aber mit einer entscheidenden Änderung: "Nun ist ihr alles ganz famos." Diese Aussage steht im Kontrast zur vorherigen Tristesse und deutet auf eine Veränderung in Veras Perspektive hin. Die Strümpfe sind jetzt "völlig lose", was die zuvor beschriebene innere Unordnung noch verstärkt. Die graue Stadt bleibt bestehen, aber Veras Einstellung hat sich gewandelt.
Strophe 5: Die Entscheidung
Die fünfte Strophe enthüllt den Grund für Veras veränderte Einstellung: Sie hat beschlossen, den Mann mit Geld zu heiraten. Diese Entscheidung ist pragmatisch und möglicherweise auch zynisch. Er ist alt und "verpaßt", aber für Vera ist er besser als kein Mann auf der Welt. Diese Zeilen verdeutlichen die wirtschaftliche Notlage und die begrenzten Möglichkeiten, die Frauen in der Weimarer Republik oft hatten. Sie musste eine Wahl treffen zwischen Liebe und Sicherheit, und sie hat sich für die Sicherheit entschieden.
Themen des Gedichts
Das Gedicht berührt mehrere wichtige Themen:
- Die Rolle der Frau in der Gesellschaft: Veras Entscheidung, einen älteren Mann mit Geld zu heiraten, spiegelt die eingeschränkten Möglichkeiten wider, die Frauen in der Weimarer Republik hatten. Sie waren oft auf die finanzielle Unterstützung von Männern angewiesen.
- Die wirtschaftliche Notlage: Das Gedicht deutet auf die wirtschaftliche Unsicherheit hin, die viele Menschen in der Zeit zwischen den Weltkriegen erlebten. Veras Entscheidung ist ein Produkt dieser Umstände.
- Verlorene Liebe und Enttäuschung: Veras vergangene Liebe und ihre Resignation angesichts der Zukunft zeigen die Enttäuschung und den Verlust von Idealen, die viele Menschen in dieser Zeit empfanden.
- Zynismus und Pragmatismus: Veras Entscheidung, einen älteren Mann zu heiraten, ist ein Ausdruck von Zynismus und Pragmatismus. Sie hat ihre romantischen Vorstellungen aufgegeben und sich für eine pragmatische Lösung entschieden.
Kalékos Stil
Mascha Kalékos Stil ist geprägt von einer einfachen, umgangssprachlichen Sprache, die aber dennoch tiefe Emotionen und komplexe Themen vermittelt. Sie verwendet oft Ironie und Sarkasmus, um die Absurdität des Lebens darzustellen. In "Vera sitzt auf dem Balkon" kommt dieser Stil deutlich zum Ausdruck. Die scheinbare Leichtigkeit des Gedichts steht im Kontrast zu den ernsten Themen, die es behandelt.
Der historische Kontext
Um das Gedicht vollständig zu verstehen, ist es wichtig, den historischen Kontext zu berücksichtigen. Die Weimarer Republik war eine Zeit politischer und wirtschaftlicher Instabilität. Die Menschen waren von den Schrecken des Ersten Weltkriegs traumatisiert und sahen sich mit Arbeitslosigkeit, Inflation und sozialen Unruhen konfrontiert. In dieser Atmosphäre der Unsicherheit und Enttäuschung war es für viele Menschen schwierig, an eine bessere Zukunft zu glauben. Die Weimarer Republik war eine Zeit des Umbruchs, und Kalékos Gedicht fängt dieses Gefühl der Unsicherheit und des Wandels ein.
Mögliche Interpretationen der Dichterin
Es ist schwer, mit Sicherheit zu sagen, was Mascha Kaléko mit diesem Gedicht ausdrücken wollte. Es gibt jedoch mehrere mögliche Interpretationen:
- Kritik an der Gesellschaft: Kaléko könnte das Gedicht als Kritik an der Gesellschaft der Weimarer Republik verfasst haben, in der Frauen oft gezwungen waren, unglückliche Ehen einzugehen, um wirtschaftlich abgesichert zu sein.
- Mitgefühl für Vera: Kaléko könnte Mitgefühl für Vera empfunden haben, die gezwungen ist, eine schwierige Entscheidung zu treffen. Das Gedicht könnte als Ausdruck von Verständnis für Veras Situation interpretiert werden.
- Darstellung der Realität: Kaléko könnte einfach die Realität vieler Frauen in der Weimarer Republik darstellen wollen. Das Gedicht könnte als eine Momentaufnahme des Lebens einer jungen Frau in dieser Zeit interpretiert werden.
Fazit
"Vera sitzt auf dem Balkon" ist ein kurzes, aber vielschichtiges Gedicht, das einen Einblick in das Lebensgefühl, die Hoffnungen und die Enttäuschungen einer Generation zwischen den Weltkriegen bietet. Durch die einfache Sprache, die repetitive Struktur und die kontrastierenden Emotionen wird ein tiefes Verständnis der sozialen und persönlichen Herausforderungen dieser Zeit vermittelt. Das Gedicht lädt dazu ein, über die Rolle der Frau in der Gesellschaft, die wirtschaftliche Notlage und die Bedeutung von Liebe und Hoffnung nachzudenken. Die Entscheidung Veras mag pragmatisch erscheinen, aber sie ist auch ein Spiegelbild der begrenzten Möglichkeiten, die ihr zur Verfügung standen. Das Gedicht bleibt relevant, weil es die universelle menschliche Erfahrung von Kompromissen und dem Streben nach Glück in schwierigen Umständen anspricht. Die Grauheit der Stadt, die sich in Veras Leben widerspiegelt, kann auch als Metapher für die gesellschaftlichen Zwänge interpretiert werden, denen sie unterliegt.
