Vertrag Zwischen Mephisto Und Faust
Der Fauststoff, besonders bekannt durch Johann Wolfgang von Goethes Werk, behandelt eine der grundlegendsten Fragen der Menschheit: Was ist der Wert des Lebens, und was sind wir bereit, dafür zu geben? Im Zentrum dieser Frage steht der Vertrag zwischen Mephisto und Faust, ein Pakt, der sowohl literarisch als auch philosophisch tiefgründig ist. Dieses Dokument, ein Schlüsselmotiv der Geschichte, ist nicht nur ein juristisches Abkommen, sondern ein Symbol für die menschliche Hybris, die Suche nach Erkenntnis und die Auseinandersetzung mit Gut und Böse.
Die Vorgeschichte: Fausts Unzufriedenheit
Bevor wir uns dem Vertrag selbst zuwenden, ist es wichtig, Fausts Ausgangssituation zu verstehen. Heinrich Faust ist ein hochgelehrter, aber zutiefst unzufriedener Mann. Er hat alle Wissensbereiche seiner Zeit studiert – Philosophie, Jura, Medizin und Theologie – aber er ist zu dem Schluss gekommen, dass all dieses Wissen ihn nicht glücklicher oder weiser gemacht hat. Er ist gelangweilt, frustriert und fühlt sich von den Grenzen menschlicher Erkenntnis eingeengt. Diese Unzufriedenheit treibt ihn an, nach mehr zu suchen, nach Erfahrungen jenseits des Gewöhnlichen. Er wünscht sich die Wahrheit hinter den Dingen, die Essenz des Lebens zu erfassen. Dies macht ihn anfällig für Mephistos Angebot.
Das Angebot Mephistos
Mephisto, der Teufel selbst, erscheint Faust zunächst als ein Teil der Finsternis, die Faust beschwört. Er ist ein zynischer und intelligenter Geist, der die menschliche Natur genau kennt. Er bietet Faust einen Handel an: Mephisto wird Fausts Diener sein und ihm alle Wünsche erfüllen, ihm zu Vergnügen und Erfahrungen verhelfen. Im Gegenzug soll Mephisto Fausts Seele erhalten, wenn Faust stirbt. Der entscheidende Punkt ist, dass Faust sich zu Lebzeiten nicht mehr nach einem Augenblick sehnen darf, in dem er sagen könnte: "Verweile doch! Du bist so schön!" In diesem Moment der vollkommenen Zufriedenheit soll der Vertrag in Kraft treten.
Der Inhalt des Vertrags
Der genaue Wortlaut des Vertrags variiert in verschiedenen Versionen der Faust-Sage und in Goethes Werk. Im Kern beinhaltet er jedoch folgende Punkte:
- Mephistos Verpflichtungen: Mephisto verpflichtet sich, Faust nach allen Regeln der Kunst zu dienen und ihm jeden Wunsch zu erfüllen, sei er gut oder schlecht, vernünftig oder absurd.
- Fausts Verpflichtungen: Faust verpflichtet sich, nach seinem Tod Mephisto seine Seele zu überlassen.
- Die Bedingung: Der Vertrag tritt in Kraft, sobald Faust den Wunsch äußert, dass ein Augenblick verweilen solle, weil er so schön ist. Dieser Moment der vollkommenen Zufriedenheit ist der Knackpunkt des Abkommens.
Goethe legt in seinem Faust I großen Wert auf die Formalitäten des Vertrags. Faust drängt darauf, den Pakt mit Blut zu besiegeln, was Mephisto zunächst als unnötig abtut, schließlich aber nachgibt. Die Blutunterschrift unterstreicht die Ernsthaftigkeit und Unumkehrbarkeit des Abkommens. Sie symbolisiert auch die Verletzung der natürlichen Ordnung durch den Pakt mit dem Teufel.
Die Bedeutung des Vertrags
Der Vertrag zwischen Mephisto und Faust ist mehr als nur eine literarische Zutat. Er verkörpert verschiedene wichtige Themen:
Die menschliche Hybris
Fausts Wunsch nach unbegrenztem Wissen und Erfahrung ist Ausdruck menschlicher Hybris, des übersteigerten Selbstbewusstseins und des Strebens nach etwas, das über die menschlichen Grenzen hinausgeht. Er glaubt, die Welt und das Leben vollständig verstehen und beherrschen zu können, was ihn anfällig für Mephistos Angebot macht.
Die Suche nach Erkenntnis
Fausts Drang nach Erkenntnis ist ein zentrales Motiv der Geschichte. Er ist bereit, alles zu riskieren, um die Wahrheit zu finden, selbst seine eigene Seele. Diese Suche ist jedoch ambivalent. Einerseits ist sie Ausdruck des menschlichen Geistes, der sich nicht mit dem Bestehenden zufrieden gibt. Andererseits führt sie ihn in die Irre, da er in Mephistos Diensten oft den wahren Wert der Dinge aus den Augen verliert.
Die Auseinandersetzung mit Gut und Böse
Der Vertrag zwischen Mephisto und Faust stellt die Frage nach der Natur von Gut und Böse. Mephisto ist nicht einfach nur das personifizierte Böse. Er ist ein komplexer Charakter, der oft als Teil einer höheren Ordnung dargestellt wird. Er ist der "Geist, der stets verneint", der durch seine Kritik und seinen Widerstand die Entwicklung des Guten vorantreibt. Faust hingegen ist ein Mensch mit guten Absichten, der jedoch durch seine Hybris und seine Unzufriedenheit anfällig für das Böse wird.
Die Natur der Verführung
Mephistos Verführungskunst liegt nicht in der offenen Androhung von Gewalt oder Zwang, sondern in der subtilen Manipulation von Fausts Wünschen und Bedürfnissen. Er bietet ihm scheinbar die Erfüllung seiner Sehnsüchte, doch in Wirklichkeit führt er ihn immer weiter vom wahren Glück weg. Der Vertrag ist somit auch eine Metapher für die Gefahren der Verführung und die Notwendigkeit, sich vor falschen Versprechungen zu hüten.
Die Gültigkeit des Vertrags
Ob der Vertrag am Ende tatsächlich in Kraft tritt und Fausts Seele dem Teufel zufällt, ist ein zentrales Thema in Faust II. Goethe lässt Faust am Ende nicht in der Hölle enden. Durch seine unermüdliche Arbeit zum Wohle der Menschheit und durch die Gnade Gottes wird Faust gerettet. Die Interpretation, warum der Vertrag nicht erfüllt wird, ist vielfältig.
Einige Interpretationen betonen, dass Faust nie wirklich den Moment der vollkommenen Zufriedenheit erlebt hat. Selbst in seinen größten Erfolgen und Freuden bleibt eine gewisse Unruhe und Unzufriedenheit bestehen. Andere Interpretationen sehen in Fausts unermüdlichem Streben nach dem Guten und seiner Bereitschaft, für seine Ideale zu kämpfen, den entscheidenden Faktor. Durch seine Arbeit für die Menschheit hat er sich die Gnade Gottes verdient und somit den Vertrag ungültig gemacht.
Die Relevanz für die Gegenwart
Obwohl der Fauststoff und der Vertrag zwischen Mephisto und Faust Jahrhunderte alt sind, bleiben sie auch heute noch relevant. Die Themen, die sie behandeln – menschliche Hybris, die Suche nach Erkenntnis, die Auseinandersetzung mit Gut und Böse – sind zeitlos und universell. In einer Zeit, in der Technologie und Wissenschaft immer neue Möglichkeiten eröffnen, ist es wichtiger denn je, sich der ethischen Implikationen unseres Handelns bewusst zu sein und uns vor falschen Versprechungen zu hüten. Der Vertrag zwischen Mephisto und Faust dient als Mahnung, dass der wahre Wert des Lebens nicht in der Erfüllung kurzfristiger Wünsche liegt, sondern in der Suche nach Sinn und Bedeutung, in der Arbeit für das Gemeinwohl und in der Anerkennung der eigenen Grenzen.
Für Expats und Neuankömmlinge in Deutschland kann das Verständnis des Faust-Stoffes, insbesondere des Vertrags, einen tieferen Einblick in die deutsche Kultur und Geistesgeschichte ermöglichen. Es ist ein Werk, das bis heute diskutiert und interpretiert wird und das einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der menschlichen Natur und der moralischen Herausforderungen unserer Zeit leistet.
Weiterführende Überlegungen
Die Frage, was den Menschen letztendlich ausmacht – seine Taten, seine Absichten oder sein Glaube – bleibt offen. Der Vertrag zwischen Mephisto und Faust ist somit nicht nur eine Geschichte über einen Pakt mit dem Teufel, sondern auch eine Reflexion über die conditio humana, die menschliche Natur, und die ewige Suche nach dem Sinn des Lebens.
