Wann Benutzt Man Das Gerund
Das Gerundium, oder der Gerund, ist im Deutschen eine verbale Substantivierung, also die Umwandlung eines Verbs in ein Nomen. Obwohl es formal existiert, ist seine Verwendung im modernen Deutsch sehr eingeschränkt und oft stilistisch ungebräuchlich oder sogar falsch. Im Gegensatz zu Sprachen wie dem Lateinischen oder Englischen, in denen das Gerundium eine lebendige und vielseitige grammatische Form darstellt, ist seine Rolle im Deutschen auf wenige, spezifische Kontexte reduziert. Um die korrekte Verwendung des Gerunds zu verstehen, ist es daher unerlässlich, seine historischen Wurzeln, seine formalen Eigenschaften und vor allem die Alternativen zu betrachten, die die deutsche Sprache für die Ausdruck derselben Inhalte bietet.
Die Form des Gerunds
Die Bildung des Gerunds ist relativ einfach: Man nimmt den Infinitiv des Verbs und schreibt ihn groß. Oft, aber nicht immer, wird ein Artikel vorangestellt. Beispiele hierfür sind "das Essen", "das Schreiben", "das Leben". Rein formal ist also keine große Hürde zu überwinden. Das Problem liegt vielmehr in der Frage, wann diese Form angebracht ist und wann andere Konstruktionen vorzuziehen sind.
Es ist wichtig zu betonen, dass das Gerundium im Deutschen keine grammatische Kategorie für die Bezeichnung von Handlungen ist, die gerade im Gange sind. Diese Funktion übernehmen im Englischen die Formen mit "-ing" ("I am reading"). Im Deutschen wird dies durch andere Konstruktionen ausgedrückt, beispielsweise durch die Verwendung von "gerade" oder "dabei sein, zu...".
Kontexte der Verwendung
Es gibt einige wenige Kontexte, in denen die Verwendung des Gerunds akzeptabel oder sogar stilistisch angemessen sein kann. Diese sind jedoch oft durch spezifische Nuancen oder Einschränkungen gekennzeichnet:
Allgemeine Aussagen über Handlungen
Das Gerundium kann verwendet werden, um allgemeine Aussagen über eine Tätigkeit zu treffen, oft im Sinne einer generellen Betrachtung. Beispiele hierfür wären: "Das Reisen bildet" oder "Das Lesen erweitert den Horizont". Hier wird die Tätigkeit als solche betrachtet, nicht eine konkrete Handlung in einem bestimmten Moment.
Nach Präpositionen
In einigen Fällen kann das Gerundium nach bestimmten Präpositionen verwendet werden, obwohl auch hier andere Konstruktionen häufiger vorkommen. Beispiele: "Beim Essen soll man nicht sprechen" (alternativ: "Während des Essens..."). Auch hier gilt: Die Verwendung des Gerunds ist nicht zwingend erforderlich und klingt oft etwas förmlich.
Abstrakte Konzepte und Prozesse
In der Philosophie, Wissenschaft oder in sehr abstrakten Diskussionen kann das Gerundium verwendet werden, um einen Prozess oder ein Konzept zu bezeichnen. Zum Beispiel: "Das Sein und das Nichts". Diese Verwendung ist jedoch oft hochspezialisiert und für den alltäglichen Sprachgebrauch irrelevant.
Alternativen zum Gerundium
Die weitaus häufigere und natürlichere Art, Handlungen oder Zustände im Deutschen auszudrücken, sind andere grammatische Konstruktionen. Diese Alternativen sind stilistisch oft eleganter und vermeiden den Eindruck von Künstlichkeit oder Archaik, der mit dem Gerundium einhergehen kann. Betrachten wir einige wichtige Alternativen:
Der Infinitiv mit "zu"
Der Infinitiv mit "zu" ist eine der häufigsten Alternativen. Er wird oft in Verbindung mit Verben wie "beginnen", "aufhören", "versuchen" verwendet. Beispiel: "Ich versuche, das Buch zu lesen" (statt "Ich versuche das Lesen des Buches"). Diese Konstruktion ist viel geläufiger und klingt natürlicher.
Nominalisierungen mit Suffixen
Eine weitere wichtige Möglichkeit ist die Bildung von Nomen mit Suffixen wie "-ung", "-heit", "-keit", "-tum". Diese Nomen bezeichnen ebenfalls Handlungen oder Zustände, klingen aber weniger formal als das Gerundium. Beispiel: "Die Forschung" (statt "das Forschen"), "Die Entwicklung" (statt "das Entwickeln").
Nebensätze
In vielen Fällen ist die beste Lösung, einen Nebensatz zu verwenden, um die Handlung oder den Zustand auszudrücken. Beispiel: "Wenn ich esse, soll man mich nicht stören" (statt "Beim Essen..."). Diese Konstruktion ist klar und präzise und vermeidet jegliche Mehrdeutigkeit.
Partizipien als Adjektive
In manchen Fällen kann das Partizip I (z.B. "sprechend", "lesend") als Adjektiv verwendet werden, um eine Eigenschaft zu beschreiben. Beispiel: "der lesende Mann" (statt "der Mann beim Lesen"). Diese Konstruktion ist jedoch stilistisch eher gehoben.
Warum ist das Gerundium so selten?
Die Seltenheit des Gerunds im Deutschen hat historische und sprachliche Gründe. Zum einen hat sich die deutsche Sprache im Laufe der Zeit von lateinischen Einflüssen entfernt, die die Verwendung von verbalen Substantivierungen begünstigten. Zum anderen bietet das Deutsche eine Vielzahl anderer, eleganterer und präziserer Möglichkeiten, Handlungen und Zustände auszudrücken. Die Flexibilität der deutschen Syntax ermöglicht es, durch Nebensätze, Infinitivkonstruktionen und Nominalisierungen feinere Nuancen und Bedeutungsunterschiede auszudrücken, als dies mit dem Gerundium möglich wäre.
Die Verwendung des Gerunds kann daher oft als ein Zeichen von Unsicherheit, stilistischer Unbeholfenheit oder sogar als ein Versuch wahrgenommen werden, besonders gebildet zu wirken. In den meisten Fällen ist es besser, auf eine der oben genannten Alternativen zurückzugreifen.
Fazit
Obwohl das Gerundium formal existiert, spielt es im modernen Deutsch eine marginale Rolle. Seine Verwendung ist auf wenige, spezifische Kontexte beschränkt und oft stilistisch unnatürlich oder gar falsch. Es ist wichtig, die formalen Eigenschaften des Gerunds zu kennen, aber noch wichtiger ist es, die Alternativen zu beherrschen, die die deutsche Sprache für die Ausdruck derselben Inhalte bietet. Die Verwendung von Infinitivkonstruktionen, Nominalisierungen und Nebensätzen ist in den meisten Fällen die bessere Wahl, um klar, präzise und stilistisch angemessen zu kommunizieren.
Die Beschäftigung mit dem Gerundium ist letztlich eine Auseinandersetzung mit der Komplexität und Vielfalt der deutschen Sprache. Sie lehrt uns, die subtilen Unterschiede zwischen verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten zu erkennen und bewusstere Entscheidungen bei der Formulierung unserer Gedanken zu treffen. Anstatt krampfhaft am Gerundium festzuhalten, sollten wir die Reichtümer der deutschen Grammatik nutzen, um unsere Sprache lebendiger, klarer und eleganter zu gestalten.
Man kann also schlussfolgern, dass die Investition in die Beherrschung alternativer Ausdrucksweisen die Mühe, das Gerundium aktiv zu verwenden, deutlich überwiegt. Die deutsche Sprache ist reich an Möglichkeiten, und die bewusste Wahl der passenden Konstruktion ist ein Zeichen von Sprachkompetenz und stilistischem Feingefühl.
