Wann War Der Letzte Kreuzzug
Viele Menschen denken bei dem Begriff „Kreuzzüge“ an das Mittelalter und an Ritter in Rüstungen, die ins Heilige Land ziehen. Doch die Frage "Wann war der letzte Kreuzzug?" ist komplizierter, als man vielleicht denkt. Es gibt keine einfache, einheitliche Antwort, da die Definition und der Umfang des Begriffs „Kreuzzug“ im Laufe der Geschichte variiert haben. Um eine fundierte Antwort zu geben, müssen wir uns mit den verschiedenen Perspektiven und historischen Ereignissen auseinandersetzen.
Was ist ein Kreuzzug?
Um zu bestimmen, wann der letzte Kreuzzug stattfand, ist es wichtig, den Begriff selbst zu definieren. Traditionell beziehen sich Kreuzzüge auf eine Reihe von militärischen Expeditionen, die von europäischen Christen, vor allem Katholiken, zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert unternommen wurden. Ziel war es, das Heilige Land (insbesondere Jerusalem) von muslimischer Herrschaft zu befreien und/oder Gebiete zu erobern und zu verteidigen, die als christlich galten. Diese Kreuzzüge wurden oft vom Papst ausgerufen und den Teilnehmern wurden spirituelle Vorteile versprochen, wie z.B. der Erlass ihrer Sünden.
Allerdings wurden im Laufe der Zeit auch andere militärische Kampagnen und Kriege als Kreuzzüge bezeichnet, die nicht unbedingt auf das Heilige Land ausgerichtet waren. Dazu gehören:
- Die Reconquista: Die Rückeroberung der Iberischen Halbinsel (Spanien und Portugal) von der muslimischen Herrschaft.
- Kreuzzüge gegen Häretiker: Militärische Aktionen gegen christliche Gruppen, die als ketzerisch galten, wie die Albigenser im südfranzösischen Katharerkreuzzug.
- Nordische Kreuzzüge: Expansion christlicher Reiche in Regionen um die Ostsee, die noch nicht zum Christentum konvertiert waren.
- Kreuzzüge gegen politische Gegner des Papstes: In manchen Fällen wurden Kriege gegen politische Gegner des Papstes als Kreuzzüge bezeichnet, um ihnen eine religiöse Legitimation zu verleihen.
Die unterschiedlichen Definitionen von Kreuzzügen erschweren die Bestimmung des "letzten" Kreuzzugs. Betrachten wir einige der möglichen Kandidaten:
Mögliche Kandidaten für den letzten Kreuzzug
Je nachdem, welche Definition man zugrunde legt, gibt es verschiedene mögliche Kandidaten für den letzten Kreuzzug:
Die traditionellen Kreuzzüge ins Heilige Land
Wenn wir uns auf die Kreuzzüge konzentrieren, die auf das Heilige Land abzielten, dann gilt der Neunte Kreuzzug (1271-1272) oft als der letzte große Kreuzzug. Dieser Kreuzzug wurde von Prinz Edward von England (später König Edward I.) angeführt und war eine relativ kleine militärische Expedition, die darauf abzielte, die letzten Kreuzfahrerstaaten im Heiligen Land zu unterstützen. Edward konnte zwar einige kleinere Erfolge erzielen, aber letztendlich scheiterte der Kreuzzug daran, das Heilige Land zurückzuerobern. Nach Edwards Abreise ging der christliche Einfluss im Heiligen Land weiter zurück, bis 1291 Akkon, die letzte große Kreuzfahrerfestung, fiel.
Obwohl nach dem Neunten Kreuzzug noch kleinere militärische Aktionen im östlichen Mittelmeer stattfanden, die oft als Kreuzzüge bezeichnet wurden (z.B. der Alexandrien-Kreuzzug 1365), waren diese nicht mehr von der gleichen Größenordnung und Bedeutung wie die früheren Kreuzzüge.
Die Reconquista
Die Reconquista in Spanien endete erst 1492 mit der Eroberung Granadas, der letzten muslimischen Festung auf der Iberischen Halbinsel, durch die Katholischen Könige Ferdinand und Isabella. Einige Historiker betrachten dies als den letzten Kreuzzug im Sinne einer territorialen Rückeroberung von Gebieten, die einst christlich waren.
Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die Reconquista sich über einen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten erstreckte und eine komplexe Mischung aus politischen, wirtschaftlichen und religiösen Motiven beinhaltete. Sie war nicht nur eine religiös motivierte militärische Kampagne.
Kreuzzüge gegen die Osmanen
Nach dem Fall von Konstantinopel im Jahr 1453 und dem Aufstieg des Osmanischen Reiches unternahmen europäische Mächte mehrere militärische Aktionen gegen die Osmanen, die manchmal als Kreuzzüge bezeichnet wurden. Dazu gehören beispielsweise die Schlacht von Lepanto im Jahr 1571, in der eine christliche Flotte eine bedeutende osmanische Flotte besiegte, und die Große Türkische Krieg (1683-1699), der zur Rückeroberung großer Teile Ungarns und des Balkans von osmanischer Herrschaft führte.
Obwohl diese Kriege oft religiöse Aspekte hatten und vom Papst unterstützt wurden, waren sie in erster Linie von politischen und strategischen Interessen geprägt. Die europäische Mächte waren bestrebt, die osmanische Expansion einzudämmen und ihre eigenen Interessen zu schützen.
Der letzte "ausgerufene" Kreuzzug?
Einige Historiker argumentieren, dass der letzte formell vom Papst ausgerufene Kreuzzug die Kampagne von Papst Pius V. zur Bildung der Heiligen Liga war, die zur Schlacht von Lepanto führte. Diese Kampagne hatte eindeutig Kreuzzugscharakter, mit der expliziten religiösen Motivation, die christliche Welt vor der osmanischen Bedrohung zu schützen.
Schlussfolgerung
Die Frage, wann der letzte Kreuzzug stattfand, lässt sich also nicht eindeutig beantworten. Es hängt davon ab, welche Definition von "Kreuzzug" man zugrunde legt. Betrachtet man die traditionellen Kreuzzüge ins Heilige Land, dann war der Neunte Kreuzzug (1271-1272) der letzte große Kreuzzug. Betrachtet man die Rückeroberung verlorener christlicher Gebiete, dann könnte die Reconquista (1492) als letzter Kreuzzug angesehen werden. Betrachtet man militärische Aktionen gegen die Osmanen, dann könnten die Schlacht von Lepanto (1571) oder der Große Türkische Krieg (1683-1699) als Kandidaten in Frage kommen.
Letztendlich ist die Definition und die Interpretation des Begriffs "Kreuzzug" entscheidend, um die Frage nach dem letzten Kreuzzug zu beantworten. Es ist wichtig, die historischen Kontexte und die unterschiedlichen Motive der beteiligten Akteure zu berücksichtigen, um ein umfassendes Verständnis der Kreuzzüge zu erlangen.
Es ist auch wichtig zu betonen, dass die Verwendung des Begriffs "Kreuzzug" in der modernen Zeit oft problematisch ist, da er mit Gewalt, religiösem Fanatismus und Kolonialismus assoziiert wird. Es ist daher ratsam, den Begriff mit Vorsicht zu verwenden und sich der möglichen Konnotationen bewusst zu sein.
