Wann War Die Machtergreifung Hitlers
Viele Neuankömmlinge in Deutschland, aber auch interessierte Geschichtsfans, fragen sich oft: Wann genau fand die Machtergreifung Hitlers statt? Die Antwort ist komplexer als ein einzelnes Datum. Es handelte sich um einen Prozess, der sich über mehrere Monate erstreckte, beginnend mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und endend mit der vollständigen Etablierung der nationalsozialistischen Diktatur.
Der Weg zur Kanzlerschaft: 30. Januar 1933
Der oft genannte „Tag der Machtergreifung“ ist der 30. Januar 1933. An diesem Tag wurde Adolf Hitler von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. Es ist wichtig zu verstehen, dass dies noch keine vollständige Machtübernahme war. Hitler führte zu diesem Zeitpunkt eine Koalitionsregierung an, bestehend aus der NSDAP und der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP). Die NSDAP war zwar die stärkste Partei im Reichstag, verfügte aber nicht über die absolute Mehrheit.
Die Ernennung erfolgte unter dem Druck politischer Intrigen und des Glaubens konservativer Kreise um Hindenburg, Hitler zähmen und für ihre Zwecke nutzen zu können. Diese Annahme erwies sich als fataler Irrtum. Die Nationalsozialisten verstanden es geschickt, die bestehenden politischen und gesellschaftlichen Spannungen auszunutzen und ihre Machtbasis systematisch auszubauen.
Warum wurde Hitler überhaupt Kanzler? Die Weimarer Republik, Deutschlands erste Demokratie, war durch eine Vielzahl von Problemen geplagt: Wirtschaftskrisen, hohe Arbeitslosigkeit, politische Instabilität und wachsende Radikalisierung der Bevölkerung. Die NSDAP profitierte von dieser Situation, indem sie einfache Lösungen für komplexe Probleme versprach und Ressentiments gegen die etablierten Parteien schürte. Ihr aggressiver Wahlkampf und ihre Propaganda fanden in weiten Teilen der Bevölkerung Anklang.
Die Ausschaltung des Reichstags: Februar und März 1933
Unmittelbar nach der Ernennung Hitlers zum Kanzler begann die NSDAP, ihre Machtposition zu festigen. Ein entscheidender Schritt war die Inszenierung des Reichstagsbrandes am 27. Februar 1933. Die Nationalsozialisten gaben den Kommunisten die Schuld an dem Brand und nutzten das Ereignis, um mit dem "Reichstagsbrandverordnung" vom 28. Februar 1933 grundlegende Bürgerrechte außer Kraft zu setzen. Diese Verordnung erlaubte es der Regierung, ohne richterliche Anordnung zu verhaften, die Pressefreiheit einzuschränken und Versammlungen zu verbieten. Sie schuf die rechtliche Grundlage für die Verfolgung politischer Gegner.
Die darauf folgenden Reichstagswahlen am 5. März 1933 brachten der NSDAP zwar einen Zugewinn, aber immer noch keine absolute Mehrheit. Um diese zu erreichen, nutzten die Nationalsozialisten massive Wahlbeeinflussung, Einschüchterung und Gewalt gegen politische Gegner. Trotzdem reichte es nicht für eine Mehrheit im Parlament.
Der nächste Schritt zur vollständigen Machtübernahme war das Ermächtigungsgesetz vom 23. März 1933. Dieses Gesetz übertrug der Regierung die legislative Gewalt, d.h. die Regierung konnte Gesetze ohne Zustimmung des Reichstags erlassen. Das Ermächtigungsgesetz bedeutete das Ende der parlamentarischen Demokratie in Deutschland. Es wurde mit den Stimmen der NSDAP, der DNVP und des Zentrums verabschiedet, nachdem die KPD bereits verboten und viele sozialdemokratische Abgeordnete verhaftet worden waren. Nur die SPD stimmte gegen das Gesetz.
Die Gleichschaltung: Frühjahr und Sommer 1933
Nach der Ausschaltung des Reichstags begann die NSDAP mit der "Gleichschaltung" der Gesellschaft. Das bedeutete, dass alle Bereiche des öffentlichen Lebens – Politik, Wirtschaft, Kultur, Bildung, Vereine und Organisationen – unter die Kontrolle der Nationalsozialisten gebracht wurden. Unabhängige Organisationen wurden aufgelöst oder in nationalsozialistische Organisationen überführt. Gewerkschaften wurden verboten und durch die Deutsche Arbeitsfront (DAF) ersetzt.
Die Presse wurde gleichgeschaltet und diente fortan der Verbreitung nationalsozialistischer Propaganda. Künstler und Intellektuelle, die nicht der nationalsozialistischen Ideologie entsprachen, wurden verfolgt, verfemt oder zur Emigration gezwungen. Die Bücherverbrennungen im Mai 1933 waren ein symbolträchtiger Akt der Zensur und des ideologischen Terrors.
Auch die Länder wurden gleichgeschaltet. Die Länderparlamente wurden aufgelöst und durch Reichsstatthalter ersetzt, die von Hitler ernannt wurden. Damit wurde die föderale Struktur Deutschlands beseitigt und ein zentralistischer Staat geschaffen.
Die Beseitigung der Konkurrenz: Juni und Juli 1933
Um ihre Macht zu festigen, beseitigte die NSDAP auch ihre politischen Konkurrenten. Die KPD war bereits nach dem Reichstagsbrand verboten worden. Im Juni und Juli 1933 wurden auch die anderen Parteien verboten oder zur Selbstauflösung gezwungen. Die NSDAP war nun die einzige zugelassene Partei in Deutschland. Dies wurde durch das "Gesetz gegen die Neubildung von Parteien" vom 14. Juli 1933 gesetzlich festgeschrieben.
Diese Phase der Konsolidierung war von Terror und Gewalt geprägt. Die SA (Sturmabteilung) und die SS (Schutzstaffel) terrorisierten politische Gegner, verhafteten und inhaftierten sie in Konzentrationslagern. Die ersten Konzentrationslager, wie Dachau, wurden bereits im Frühjahr 1933 eingerichtet.
Der Tod Hindenburgs und die Vereinigung von Kanzler- und Präsidentenamt: August 1934
Ein weiterer wichtiger Schritt zur vollständigen Machtübernahme war der Tod von Reichspräsident Paul von Hindenburg am 2. August 1934. Hitler nutzte den Tod Hindenburgs, um das Amt des Reichspräsidenten mit dem des Reichskanzlers zu vereinigen. Er nannte sich fortan "Führer und Reichskanzler". Die Soldaten der Reichswehr wurden auf Hitler persönlich vereidigt. Durch eine Volksabstimmung am 19. August 1934 wurde diese Vereinigung der Ämter nachträglich legitimiert.
Mit dem Tod Hindenburgs und der Vereinigung der Ämter hatte Hitler die unbeschränkte Macht in Deutschland erlangt. Die nationalsozialistische Diktatur war vollständig etabliert.
Fazit
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die "Machtergreifung" Hitlers kein einzelnes Ereignis war, sondern ein Prozess, der sich über eineinhalb Jahre erstreckte. Beginnend mit der Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933, über die Ausschaltung des Reichstags, die Gleichschaltung der Gesellschaft, die Beseitigung politischer Gegner bis hin zur Vereinigung der Ämter nach dem Tod Hindenburgs im August 1934. Jeder dieser Schritte trug dazu bei, die nationalsozialistische Diktatur zu festigen. Es ist wichtig, diesen Prozess in seiner Gesamtheit zu verstehen, um die Mechanismen des Aufstiegs des Nationalsozialismus zu erkennen und daraus Lehren für die Gegenwart zu ziehen.
Wichtige Daten im Überblick:
- 30. Januar 1933: Ernennung Hitlers zum Reichskanzler
- 27. Februar 1933: Reichstagsbrand
- 28. Februar 1933: Reichstagsbrandverordnung
- 5. März 1933: Reichstagswahlen
- 23. März 1933: Ermächtigungsgesetz
- 14. Juli 1933: Gesetz gegen die Neubildung von Parteien
- 2. August 1934: Tod Hindenburgs
- 19. August 1934: Volksabstimmung über die Vereinigung der Ämter
