Wann Wurde Der Zerbrochene Krug Geschrieben
Der zerbrochene Krug, eines der bedeutendsten Werke der deutschen Literatur, ist eine Komödie des deutschen Dichters und Dramatikers Heinrich von Kleist. Um die Entstehungszeit und den Hintergrund des Werkes vollständig zu verstehen, ist es wichtig, die historischen und biographischen Kontexte zu berücksichtigen.
Die Entstehungsgeschichte
Heinrich von Kleist begann mit der Arbeit an Der zerbrochene Krug im Jahr 1803. Die unmittelbare Inspiration für das Stück stammte von einer Anekdote, die Kleist in der Schweiz erlebte. Angeblich sah er einen Kupferstich von einer Gerichtsverhandlung, der ihm die Idee zu einer Komödie lieferte, in der ein Richter selbst zum Angeklagten wird.
Konkret wird oft auf eine Radierung von Jean-Michel Moreau le Jeune, betitelt "Le Juge ou la Cruche Cassée" ("Der Richter oder der zerbrochene Krug"), hingewiesen. Diese Radierung, die eine Gerichtsverhandlung mit einem zerbrochenen Krug im Vordergrund zeigt, diente Kleist als visueller Anreiz und gab ihm die erste Vorstellung von dem zentralen Konflikt und der Figurenanordnung des Stücks.
Kleist arbeitete jedoch nicht kontinuierlich an dem Stück. Die Entstehungsphase war von Unterbrechungen und Phasen der Überarbeitung geprägt. Politische und persönliche Umstände trugen dazu bei, dass die Fertigstellung des Werkes sich verzögerte.
Die Uraufführung und ihre Rezeption
Die Uraufführung von Der zerbrochene Krug fand am 2. März 1808 in Weimar statt. Es war ein Abend, der für Kleist und für die Rezeptionsgeschichte des Stücks von entscheidender Bedeutung war. Johann Wolfgang von Goethe, der damals Leiter des Weimarer Hoftheaters war, übernahm die Inszenierung. Goethe, obwohl ein Bewunderer Kleists Talents, nahm jedoch erhebliche Änderungen am Text vor, um das Stück bühnentauglicher zu machen.
Diese Änderungen führten zu Irritationen und Verständnisschwierigkeiten beim Publikum. Die Aufführung wurde ein Fiasko. Das Publikum war verwirrt von der komplexen Handlung und den spezifischen sprachlichen Eigenheiten Kleists. Die ursprüngliche Intention des Autors wurde durch die Bearbeitung Goethes verwässert, was zu einer negativen Aufnahme führte.
Kleist selbst war von dem Misserfolg der Uraufführung tief enttäuscht. Die negativen Kritiken und das mangelnde Verständnis seines Werkes belasteten ihn sehr. Er zog das Stück zunächst zurück und überarbeitete es später erneut.
Die Bedeutung des Jahres 1811
Erst nach Kleists Tod im Jahr 1811 erfuhr Der zerbrochene Krug eine breitere Anerkennung. Die posthume Veröffentlichung des Stücks trug maßgeblich dazu bei, dass die Qualität und der innovative Charakter des Werkes erkannt wurden. Insbesondere die Aufführung im Jahr 1811, obwohl auch sie nicht ohne Kritik blieb, markierte einen Wendepunkt in der Rezeptionsgeschichte.
Das Jahr 1811 ist also in doppelter Hinsicht von Bedeutung: Es ist das Todesjahr Kleists und das Jahr, in dem eine Aufführung des Stücks stattfand, die dazu beitrug, das Werk einem breiteren Publikum zugänglich zu machen und die Grundlage für die spätere Wertschätzung zu legen.
Historischer und literarischer Kontext
Um die Bedeutung von Der zerbrochene Krug vollständig zu erfassen, ist es wichtig, den historischen und literarischen Kontext des frühen 19. Jahrhunderts zu berücksichtigen. Kleist lebte in einer Zeit des politischen Umbruchs, geprägt von den Napoleonischen Kriegen und den damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen. Diese Zeit beeinflusste sein Werk maßgeblich.
Literarisch gesehen steht Kleist zwischen der Weimarer Klassik und der Romantik. Er teilt zwar einige Elemente mit beiden Strömungen, entwickelt aber einen ganz eigenen Stil. Seine Werke zeichnen sich durch eine realistische Darstellung der menschlichen Psyche, eine komplexe Figurengestaltung und eine oft düstere Weltsicht aus.
Der zerbrochene Krug ist ein Beispiel für Kleists Fähigkeit, Komödie und Kritik miteinander zu verbinden. Das Stück ist nicht nur unterhaltsam, sondern auch eine scharfe Auseinandersetzung mit Machtmissbrauch, Korruption und der Fragwürdigkeit juristischer Prozesse.
Die zentralen Themen des Stücks
Der zerbrochene Krug behandelt eine Vielzahl von Themen, die bis heute relevant sind. Zu den wichtigsten gehören:
- Macht und Autorität: Das Stück zeigt, wie Macht missbraucht werden kann und wie Autoritäten ihre Positionen für persönliche Zwecke ausnutzen. Richter Adam ist ein Paradebeispiel für diese Problematik.
- Recht und Gerechtigkeit: Die Gerichtsverhandlung um den zerbrochenen Krug offenbart die Schwierigkeiten, die Wahrheit zu ermitteln und Gerechtigkeit zu gewährleisten. Die juristischen Prozesse werden als fehlerhaft und manipulierbar dargestellt.
- Wahrheit und Lüge: Das Spiel mit Wahrheit und Lüge ist ein zentrales Element des Stücks. Die Figuren versuchen, ihre eigenen Interessen zu verschleiern und andere zu täuschen.
- Moral und Korruption: Der zerbrochene Krug thematisiert die moralische Verkommenheit der Gesellschaft und die Korruption, die in verschiedenen Bereichen des Lebens anzutreffen ist.
- Krieg und seine Folgen: Indirekt thematisiert das Stück auch die Auswirkungen des Krieges auf die Moral und die gesellschaftliche Ordnung. Die Napoleonischen Kriege hatten tiefe Spuren in der deutschen Gesellschaft hinterlassen.
Die Bedeutung der Sprache
Kleists Sprache ist ein wesentliches Merkmal seines Werkes. Er verwendet eine präzise und bildhafte Sprache, die oft von abrupten Wendungen und elliptischen Sätzen geprägt ist. Diese Sprachgestaltung trägt dazu bei, die Spannung und die Dynamik des Stücks zu erhöhen.
Der Dialekt, der in Der zerbrochene Krug verwendet wird, ist ein weiteres wichtiges Element. Kleist setzt den Dialekt bewusst ein, um die Figuren zu charakterisieren und die lokale Atmosphäre zu vermitteln. Gleichzeitig dient der Dialekt auch dazu, soziale Unterschiede und Hierarchien zu verdeutlichen.
Die Rezeptionsgeschichte nach 1811
Nach der posthumen Veröffentlichung und den ersten Aufführungen im Jahr 1811 entwickelte sich Der zerbrochene Krug langsam zu einem Klassiker der deutschen Literatur. Im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts wurde das Stück immer wieder aufgeführt und interpretiert.
Die Rezeption des Stücks war jedoch nicht immer einheitlich. Einige Kritiker lobten Kleists Sprachgewalt und seine scharfe Gesellschaftskritik, während andere seine düstere Weltsicht und seine pessimistische Menschenbild kritisierten. Dennoch hat sich Der zerbrochene Krug im Laufe der Zeit als eines der bedeutendsten Werke der deutschen Komödienliteratur etabliert.
Moderne Inszenierungen des Stücks betonen oft die Aktualität der Themen, die Kleist behandelt. Machtmissbrauch, Korruption und die Fragwürdigkeit juristischer Prozesse sind auch heute noch relevante Themen, die in Der zerbrochene Krug auf eindrucksvolle Weise dargestellt werden.
Fazit
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Der zerbrochene Krug von Heinrich von Kleist zwischen 1803 und 1806 geschrieben wurde, inspiriert von einem Kupferstich. Die Uraufführung im Jahr 1808 war ein Misserfolg, aber das Stück erfuhr nach Kleists Tod im Jahr 1811 eine wachsende Anerkennung. Das Werk ist eine bedeutende Komödie, die Machtmissbrauch, Recht, Wahrheit und Moral thematisiert und sich durch Kleists präzise Sprache und scharfe Gesellschaftskritik auszeichnet.
Für Expatriates und Neuankömmlinge in Deutschland bietet die Beschäftigung mit Der zerbrochene Krug einen wertvollen Einblick in die deutsche Kultur und Literatur. Das Stück ermöglicht es, die historischen und gesellschaftlichen Hintergründe besser zu verstehen und die Auseinandersetzung mit relevanten Themen anzuregen.
"Ich bin überzeugt, daß Kleist ein Genie ist, und wenn er nicht durch die Umstände und durch sich selbst sich verhinderte, so würde er uns Meisterwerke geben, die unsere ganze Nation ehren würden." - Johann Wolfgang von Goethe
Dieses Zitat von Goethe, obwohl er die Uraufführung bearbeitete, zeigt die frühe Anerkennung von Kleists außergewöhnlichem Talent. Die Auseinandersetzung mit Der zerbrochene Krug ist somit nicht nur eine Beschäftigung mit einem literarischen Werk, sondern auch eine Begegnung mit einem bedeutenden Kapitel der deutschen Geistesgeschichte. Das Verständnis für die Entstehungszeit und die Rezeptionsgeschichte des Stücks vertieft das Verständnis für die Komplexität und die bleibende Relevanz dieses Meisterwerks.
