Warum Eigentlich Bringen Wir Den Chef Nicht Um
Hand aufs Herz, wer hat nicht schon mal mit dem Gedanken gespielt? Nicht wirklich, versteht sich, eher so im Geiste, während man auf der zehnten PowerPoint-Präsentation des Tages sitzt und innerlich die Augen verdreht. Die Frage ist: Warum eigentlich nicht? Also, nicht wirklich, sondern nur hypothetisch, im allergrößten Konjunktiv. Warum halten wir uns zurück? Warum lassen wir den Chef (oder die Chefin) leben?
Die Antwort ist, überraschenderweise, nicht nur die Angst vor dem Gefängnis. Klar, das ist ein Faktor. Aber es gibt auch jede Menge skurriler, nachdenklicher und sogar leicht herzerwärmender Gründe, warum wir im Büroalltag die Nerven behalten (meistens). Denken wir mal drüber nach.
Der innere Buchhalter
Okay, fangen wir mal praktisch an. Der innere Buchhalter meldet sich zu Wort: Wer bezahlt denn dann die Miete? Wer füllt den Kühlschrank? Wer finanziert die nächste Urlaubsreise? Das sind triftige Argumente! Der Chef ist (in der Regel) die Person, die den Gehaltsscheck unterschreibt. Ihn loszuwerden, wäre ein ziemlich suboptimaler Karriere-Move. Das leuchtet ein.
Und mal ehrlich, so schlimm ist es ja auch wieder nicht, oder? Vielleicht ist der Chef einfach nur...speziell. Er hat komische Angewohnheiten, wiederholt ständig die gleichen Witze (die schon beim ersten Mal nicht lustig waren) und versteht den Unterschied zwischen „dass“ und „das“ einfach nicht. Aber er ist ja kein Monster. Wahrscheinlich hat er selbst auch einen Chef, der ihn quält. Die Hackordnung im Büro ist ein unbarmherziges Spiel.
Das Mitleid-Kärtchen
Apropos Mitleid: Hat sich nicht jeder Chef irgendwann mal selbst entlarvt? Die zerknitterte Miene, die verweinten Augen nach dem Anruf, die Klage über die schlaflosen Nächte. Plötzlich sieht man nicht mehr den allmächtigen CEO, sondern einen Menschen aus Fleisch und Blut, der mit den gleichen Ängsten und Sorgen kämpft wie wir alle. Und Mitleid ist ein starkes Gefühl. Es kann sogar den größten Groll besänftigen.
Vielleicht hat der Chef auch einfach nur einen schlechten Tag. Vielleicht hat er sich mit seiner Frau gestritten, die Kinder sind krank, und der Hamster hat das Zeitliche gesegnet. Wer weiß das schon? Bevor man zu drastischen Maßnahmen greift (im übertragenen Sinne!), sollte man vielleicht einfach mal tief durchatmen und sich in die Lage des anderen versetzen.
Der soziale Kitt
Und dann ist da noch der soziale Aspekt. Wir sind Rudeltiere. Wir brauchen die Anerkennung unserer Kollegen. Und die würden uns wahrscheinlich komisch angucken, wenn wir plötzlich mit einem Messer zwischen den Zähnen durchs Büro schleichen würden. (Wieder nur im übertragenen Sinne! Bitte keine Missverständnisse!)
Im Ernst: Das Büro ist unser soziales Umfeld. Wir verbringen einen Großteil unserer Zeit dort. Wir lachen zusammen, wir weinen zusammen, wir ärgern uns zusammen über den Chef. Und genau das verbindet uns. Die gemeinsame Ablehnung des Vorgesetzten ist manchmal der Kitt, der das Team zusammenhält. Es ist eine bizarre Form der Solidarität.
Die Hoffnung stirbt zuletzt
Vielleicht, ganz vielleicht, ändert sich ja alles. Vielleicht hat der Chef eine Erleuchtung, besucht ein Seminar für Führungskräfte oder liest ein Buch über inspirierendes Management. Vielleicht wacht er eines Morgens auf und denkt: „Heute werde ich ein besserer Mensch!“
Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und solange es auch nur die kleinste Chance gibt, dass sich die Dinge zum Besseren wenden, ist es vielleicht doch besser, abzuwarten. Geduld ist eine Tugend. Auch im Büro.
Der Held im Schatten
Und dann gibt es noch einen ganz anderen Grund: Der heimliche Wunsch, der Held zu sein. Nicht derjenige, der den Chef um die Ecke bringt (wiederum nur im übertragenen Sinne!), sondern derjenige, der die Situation meistert. Derjenige, der die Nerven behält, der cleverer ist, der die Fäden im Hintergrund zieht. Derjenige, der den Chef austrickst, ohne dass er es merkt.
Es ist ein subtiles Spiel der Macht. Man kann den Chef nicht einfach so loswerden (schon wieder: nur im übertragenen Sinne!), aber man kann ihn unterwandern. Man kann ihn manipulieren. Man kann ihn dazu bringen, das zu tun, was man will. Das ist viel befriedigender, als einfach nur die Beherrschung zu verlieren. Es ist die Kunst der subtilen Rebellion.
Fazit: Leben und leben lassen (meistens)
Also, warum bringen wir den Chef nicht um? Weil es dumm wäre. Weil es uns ins Gefängnis bringen würde. Weil wir Mitleid haben. Weil wir unsere Kollegen brauchen. Weil wir hoffen, dass sich alles zum Besseren wendet. Und weil wir insgeheim lieber die Strippen ziehen, als die Axt zu schwingen. Leben und leben lassen, lautet die Devise. Zumindest solange, bis der nächste Quartalsbericht ansteht.
Und wenn alles nichts hilft: Es gibt ja immer noch den inneren Monolog. Und der ist kostenlos, ungefährlich und ungemein befreiend. In diesem Sinne: Viel Spaß im Büro!
