Warum Hat Romulus Remus Getötet
Die Geschichte von Romulus und Remus ist eine der bekanntesten Gründungslegenden der Welt. Sie erzählt die Geschichte zweier Brüder, die von einer Wölfin aufgezogen wurden und schließlich die Stadt Rom gründeten. Doch die Legende endet tragisch: Romulus tötet Remus. Die Gründe für diesen Brudermord sind komplex und wurden im Laufe der Geschichte unterschiedlich interpretiert. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte dieser tragischen Begebenheit und bietet eine umfassende Erklärung.
Die Gründungslegende: Romulus und Remus
Die Zwillinge Romulus und Remus waren der Legende nach Söhne der Rhea Silvia, einer vestalischen Jungfrau, und des Kriegsgottes Mars. Ihr Großonkel Amulius, der ihren Großvater Numitor entthront hatte, fürchtete um seine Macht und befahl, die neugeborenen Zwillinge im Tiber auszusetzen. Die Kinder wurden jedoch von einer Wölfin (Lupa) gefunden und gesäugt, bis sie von einem Hirten namens Faustulus und seiner Frau Acca Larentia aufgenommen und aufgezogen wurden.
Als Romulus und Remus erwachsen waren, erfuhren sie von ihrer wahren Herkunft und stürzten Amulius, um Numitor wieder auf den Thron zu setzen. Anschließend beschlossen sie, eine eigene Stadt zu gründen. Der Ort, an dem sie ausgesetzt worden waren, schien ihnen ideal.
Der Streit um die Stadtgründung
An diesem Punkt spaltet sich die Legende auf und die Gründe für den Brudermord werden komplexer. Die beiden Brüder waren sich uneins darüber, wo genau die Stadt errichtet werden sollte. Romulus bevorzugte den Palatinhügel, während Remus den Aventinhügel favorisierte. Um zu entscheiden, wer das Recht hatte, die Stadt zu gründen und nach wem sie benannt werden sollte, beschlossen sie, die Götter durch Auspizien, das Beobachten von Vogelflug, zu befragen. Dieser Brauch war eine gängige Methode, um den Willen der Götter zu erfragen.
Die Auspizien und ihre Interpretation
Remus sah zuerst sechs Geier, während Romulus später zwölf erblickte. Hier beginnt der Streit: Wer hatte gewonnen? Remus argumentierte, dass er der Erste war, der die Vögel sah, während Romulus auf die größere Anzahl verwies. Diese Uneinigkeit führte zu einem heftigen Streit zwischen den Brüdern und ihren Anhängern.
Einige Quellen deuten darauf hin, dass es sich bei dem Streit nicht nur um die Anzahl der Vögel handelte, sondern auch um die Interpretation der Auspizien. Die Deutung der Zeichen der Götter war eine hochkomplexe Angelegenheit, die von religiösen Autoritäten vorgenommen wurde. In diesem Fall interpretierte jeder Bruder die Zeichen zu seinen Gunsten.
Der entscheidende Konflikt: Die Überschreitung der Stadtmauer
Die bekannteste und am weitesten verbreitete Version der Geschichte besagt, dass Romulus mit dem Pflug eine Furche zog, um die Grenzen der zukünftigen Stadt (pomerium) zu markieren. Diese Furche war nicht nur eine physische Grenze, sondern auch eine heilige. Sie symbolisierte die Verteidigung der Stadt und durfte unter keinen Umständen überschritten werden.
Remus, der seinen Bruder verspotten wollte, soll aus Verachtung über die neu gezogene Stadtmauer gesprungen sein. Dies wurde als eine schwere Verletzung der heiligen Grenze und als Akt des Verrats gegen die zukünftige Stadt Rom interpretiert. Romulus soll daraufhin, entweder persönlich oder durch einen seiner Anhänger, Remus getötet haben. Der berühmte Ausruf, der Romulus zugeschrieben wird, lautet: "So soll es jedem ergehen, der über meine Mauern springt!" oder "Sic transeat quicumque alius transiliet moenia mea!"
Alternative Erklärungen und Interpretationen
Neben der populären Version gibt es auch andere Erklärungen für den Tod von Remus, die in historischen Quellen überliefert sind:
- Kriegerische Auseinandersetzung: Einige Historiker vermuten, dass der Tod von Remus das Ergebnis eines heftigen Streits und einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen den Anhängern der beiden Brüder war. In dieser Version war der Tod von Remus nicht unbedingt ein geplanter Mord, sondern eher ein unglücklicher Vorfall im Verlauf einer Eskalation der Gewalt.
- Kampf um die Herrschaft: Eine weitere Interpretation sieht den Brudermord als einen Kampf um die alleinige Herrschaft über die Stadt. Romulus, der entschlossen war, seine Vision von Rom durchzusetzen, sah in Remus eine Bedrohung seiner Autorität und beseitigte ihn daher.
- Symbolischer Mord: Einige Gelehrte argumentieren, dass der Mord an Remus nicht unbedingt ein historisches Ereignis war, sondern eher eine symbolische Darstellung der Notwendigkeit, interne Konflikte und Bedrohungen für die Einheit der Stadt zu beseitigen. Remus repräsentiert in dieser Interpretation die Gefahr der Spaltung und der inneren Zwietracht.
Die Bedeutung des Brudermords für die römische Identität
Unabhängig von den genauen Umständen des Todes von Remus, bleibt der Brudermord ein zentrales Element der römischen Gründungslegende. Er wirft ein düsteres Licht auf die Anfänge der Stadt und deutet auf die Gewalt und den Konflikt hin, die die römische Geschichte begleiten sollten. Gleichzeitig dient er aber auch als Warnung vor den Gefahren interner Konflikte und als Aufruf zur Einheit und zur Verteidigung der eigenen Werte.
Der Brudermord wurde im Laufe der römischen Geschichte unterschiedlich interpretiert. Während einige ihn als eine Schande betrachteten, sahen andere ihn als eine notwendige Tat, um die Stabilität und Sicherheit der Stadt zu gewährleisten. In jedem Fall trug die Legende von Romulus und Remus dazu bei, die römische Identität zu formen und die Werte der römischen Republik und des späteren Kaiserreichs zu prägen.
Fazit
Die Frage, warum Romulus Remus getötet hat, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Die Legende bietet verschiedene Erklärungen, die von einer Verachtung der heiligen Stadtgrenze bis hin zu einem Machtkampf reichen. Wahrscheinlich ist, dass der Brudermord eine komplexe Mischung aus persönlichen Konflikten, religiösen Überzeugungen und politischen Ambitionen widerspiegelt.
Was auch immer die wahren Gründe gewesen sein mögen, der Mord an Remus bleibt ein einschneidendes Ereignis in der römischen Geschichte. Er symbolisiert die Gewalt und den Konflikt, die die Gründungszeit Roms prägten, und dient als Mahnung vor den Gefahren interner Zwietracht. Die Legende von Romulus und Remus ist somit nicht nur eine Geschichte über die Gründung einer Stadt, sondern auch eine Reflexion über die menschliche Natur, die Macht und die Bedeutung von Einheit und Ordnung.
Die Geschichte von Romulus und Remus ist ein vielschichtiges Narrativ, das bis heute fasziniert und zur Diskussion anregt. Sie erinnert uns daran, dass die Ursprünge vieler Kulturen und Zivilisationen oft in komplexen und widersprüchlichen Ereignissen verwurzelt sind.
