Was Heißt Gendern Auf Deutsch
Die Debatte um das Gendern im Deutschen ist komplex und vielschichtig. Sie berührt nicht nur grammatische Fragen, sondern auch gesellschaftliche Machtverhältnisse, Identitätspolitik und das Selbstverständnis von Sprache als Instrument des Wandels. Doch was bedeutet Gendern eigentlich genau, und welche Argumente liegen dieser Praxis zugrunde?
Was bedeutet Gendern auf Deutsch? Eine Annäherung
Im Kern geht es beim Gendern darum, in der deutschen Sprache alle Geschlechter sprachlich sichtbar zu machen und somit eine gleichberechtigte Repräsentation zu gewährleisten. Traditionell orientiert sich das Deutsche oft am generischen Maskulinum, also der männlichen Form, die vermeintlich für alle Geschlechter steht. Kritikerinnen und Kritiker argumentieren jedoch, dass diese Praxis dazu führt, dass Frauen, nicht-binäre und andere Geschlechtsidentitäten unsichtbar bleiben und somit strukturell benachteiligt werden.
Gendern umfasst verschiedene sprachliche Strategien, die darauf abzielen, diese vermeintliche Unsichtbarkeit zu überwinden. Dazu gehören:
Die Doppelnennung
Dies ist die einfachste und am weitesten verbreitete Form des Genderns. Hier werden die männliche und weibliche Form explizit genannt: "Lehrer und Lehrerinnen," "Studenten und Studentinnen." Obwohl sie klar und verständlich ist, wird die Doppelnennung oft als umständlich und wenig elegant empfunden, insbesondere bei längeren Texten.
Der Gendersternchen (oder Gender-Gap)
Das Gendersternchen (*), der Gender-Doppelpunkt (:) oder der Gender-Unterstrich (_) werden zwischen den Wortstamm und die typische Endung für männliche Formen eingefügt: "Lehrer*innen," "Student:innen," "Arbeiter_innen." Diese Zeichen sollen signalisieren, dass sich die Ansprache nicht nur an Männer und Frauen richtet, sondern auch an Menschen, die sich keinem der beiden Geschlechter zuordnen. Die Kritik hier richtet sich oft gegen die Aussprache und die Zugänglichkeit für Menschen mit Sehbehinderung, da Screenreader diese Zeichen möglicherweise nicht korrekt interpretieren.
Genderneutrale Formulierungen
Hier wird versucht, geschlechtsspezifische Formulierungen ganz zu vermeiden und stattdessen neutrale Begriffe oder Umschreibungen zu verwenden: "Lehrkräfte" anstelle von "Lehrer und Lehrerinnen," "Studierende" anstelle von "Studenten und Studentinnen," "Teammitglieder" anstelle von "Mitarbeiter." Diese Methode erfordert oft Kreativität und sprachliches Geschick, führt aber zu prägnanteren und inklusiveren Formulierungen.
Partizipialkonstruktionen
Ähnlich wie neutrale Formulierungen versuchen Partizipialkonstruktionen, das generische Maskulinum zu umgehen: "Der/die Studierende," "Die Lehrenden." Diese Variante wird oft als elegant empfunden, kann aber in komplexen Sätzen zu grammatischen Schwierigkeiten führen.
Die Argumente pro und contra Gendern
Die Debatte um das Gendern ist emotional aufgeladen und von unterschiedlichen Überzeugungen geprägt. Befürworterinnen und Befürworter argumentieren, dass Gendern ein wichtiger Schritt zur sprachlichen Gleichstellung und zur Sichtbarmachung aller Geschlechter ist. Sie betonen, dass Sprache nicht neutral ist, sondern soziale Realitäten widerspiegelt und beeinflusst. Durch das Gendern könne man Stereotypen aufbrechen und ein Bewusstsein für Geschlechtergerechtigkeit schaffen.
Sprache formt Denken. Wenn wir Frauen und nicht-binäre Menschen sprachlich unsichtbar machen, tragen wir zur Aufrechterhaltung von Ungleichheiten bei.
Gegnerinnen und Gegner des Genderns halten dem entgegen, dass die deutsche Sprache bereits inklusiv sei, da das generische Maskulinum alle Geschlechter umfasse. Sie argumentieren, dass Gendern die Sprache unnötig verkompliziere, die Lesbarkeit beeinträchtige und zu grammatikalischen Fehlern führe. Zudem befürchten sie eine Spaltung der Gesellschaft durch die Einführung neuer sprachlicher Normen.
Die deutsche Sprache ist ein Kulturgut, das wir bewahren müssen. Krampfige Versuche, sie zu "gendern," führen nur zu Sprachverhunzung und Verwirrung.
Ein weiteres Argument gegen das Gendern ist der ökonomische Aspekt: Die Anpassung von Software, Formularen und anderen Dokumenten an gegenderte Sprache verursacht erhebliche Kosten. Auch die Frage der Barrierefreiheit wird oft diskutiert, da einige Genderzeichen für Menschen mit Sehbehinderung problematisch sein können.
Die Rolle der Bildung und der Medien
Die Auseinandersetzung mit dem Thema Gendern findet nicht nur in der Wissenschaft und Politik statt, sondern auch in der Bildung und den Medien. Schulen und Universitäten spielen eine entscheidende Rolle bei der Vermittlung von Wissen über Geschlechtergerechtigkeit und sprachliche Sensibilität. Viele Bildungseinrichtungen haben mittlerweile Leitlinien zum geschlechtergerechten Sprachgebrauch erlassen und ermutigen Lehrkräfte und Studierende, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Auch die Medien tragen eine große Verantwortung bei der Gestaltung des öffentlichen Diskurses über das Gendern. Eine differenzierte und ausgewogene Berichterstattung kann dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und ein besseres Verständnis für die unterschiedlichen Perspektiven zu fördern. Viele Redaktionen haben mittlerweile interne Richtlinien zum Gendern entwickelt, um eine inklusive und respektvolle Sprache zu gewährleisten.
Gendern im Alltag: Eine Frage der Haltung und des Kontexts
Ob und wie man gendert, ist letztlich eine persönliche Entscheidung, die vom jeweiligen Kontext abhängt. In formellen Texten und offiziellen Dokumenten mag eine explizite und umfassende Genderung angemessen sein, während in informellen Gesprächen oder privaten E-Mails eine weniger formale Herangehensweise gewählt werden kann. Wichtig ist, dass die Entscheidung für oder gegen das Gendern bewusst getroffen wird und von dem Wunsch nach einer inklusiven und respektvollen Kommunikation getragen ist.
Es gibt keine allgemeingültige "richtige" Art zu gendern. Vielmehr geht es darum, sich mit den verschiedenen Möglichkeiten auseinanderzusetzen, die eigenen Vorlieben zu entwickeln und sich an den Bedürfnissen des jeweiligen Publikums zu orientieren. Das Ziel sollte immer sein, eine Sprache zu verwenden, die verständlich, präzise und respektvoll ist.
Die Debatte um das Gendern wird uns auch in Zukunft begleiten. Es ist wichtig, dass wir uns dieser Debatte offen und konstruktiv stellen und bereit sind, unsere eigenen Annahmen und Überzeugungen zu hinterfragen. Nur so können wir eine Sprache entwickeln, die alle Menschen einschließt und zu einer gerechteren und gleichberechtigteren Gesellschaft beiträgt.
Letztendlich ist Gendern mehr als nur eine sprachliche Technik. Es ist ein Ausdruck von Haltung und ein Zeichen für den Willen, Stereotypen aufzubrechen und eine inklusive Gesellschaft zu gestalten. Die Auseinandersetzung mit dem Thema ist eine Chance, das eigene Denken zu erweitern und einen Beitrag zu einer vielfältigen und respektvollen Kommunikation zu leisten.
