Welche Gebiete Musste Deutschland Nach Dem 1. Weltkrieg Abtreten
Nach dem Ersten Weltkrieg, der im November 1918 endete, musste Deutschland gemäß dem Versailler Vertrag von 1919 erhebliche Gebietsabtretungen hinnehmen. Diese Abtretungen betrafen sowohl europäische Gebiete als auch Kolonien und hatten weitreichende Folgen für die deutsche Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Der Versailler Vertrag wurde von den Siegermächten (insbesondere Frankreich, Großbritannien und den Vereinigten Staaten) diktiert und von Deutschland unter Zwang unterzeichnet.
Europäische Gebietsabtretungen
Elsass-Lothringen
Elsass-Lothringen, ein Gebiet, das seit Jahrhunderten zwischen Frankreich und Deutschland umstritten war, wurde vollständig an Frankreich zurückgegeben. Deutschland hatte das Gebiet nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 annektiert. Die Rückgabe an Frankreich spiegelte den französischen Anspruch auf diese Region wider, basierend auf historischen und kulturellen Bindungen. Die Bevölkerung in Elsass-Lothringen sprach sowohl Deutsch als auch Französisch, und die Rückgliederung an Frankreich führte zu Anpassungsschwierigkeiten und Spannungen, insbesondere für diejenigen, die sich stark mit der deutschen Kultur identifizierten.
Eupen-Malmedy
Die Gebiete Eupen und Malmedy, kleine Regionen entlang der deutsch-belgischen Grenze, wurden an Belgien abgetreten. Diese Abtretung diente in erster Linie dazu, Belgien für die erlittenen Kriegsschäden zu entschädigen und die strategische Position Belgiens zu stärken. Die Bevölkerung in Eupen-Malmedy sprach hauptsächlich Deutsch, und die Übergabe an Belgien führte zu einer Zeit der Anpassung und Integration in die belgische Gesellschaft. Nach einer Volksabstimmung, die jedoch umstritten war, blieb das Gebiet bei Belgien.
Nordschleswig
Nordschleswig, ein Teil der Provinz Schleswig-Holstein, wurde nach einer Volksabstimmung an Dänemark abgetreten. Diese Abstimmung basierte auf dem Prinzip der Selbstbestimmung der Völker, das von US-Präsident Woodrow Wilson propagiert wurde. Die Bevölkerung Nordschleswigs hatte mehrheitlich für den Anschluss an Dänemark gestimmt, was die Abtretung legitimierte. Die Grenze zwischen Deutschland und Dänemark wurde somit neu gezogen, wobei die deutsche Minderheit in Nordschleswig weiterhin existierte, aber unter dänischer Souveränität.
Posen und Westpreußen
Ein erheblicher Teil der Provinzen Posen und Westpreußen, Gebiete mit einer gemischten deutschen und polnischen Bevölkerung, wurde an Polen abgetreten, um den neu gegründeten polnischen Staat zu stärken. Diese Abtretungen zielten darauf ab, Polen Zugang zur Ostsee zu verschaffen und einen "Korridor" zu schaffen, der Polen mit dem Meer verband. Dieser "Polnische Korridor" teilte Deutschland in zwei Teile und war eine Quelle ständiger Spannungen zwischen Deutschland und Polen in der Zwischenkriegszeit. Die deutsche Bevölkerung in diesen Gebieten sah sich mit der Wahl konfrontiert, die polnische Staatsbürgerschaft anzunehmen oder Deutschland zu verlassen.
Danzig
Die Stadt Danzig (heute Gdańsk) wurde zu einer Freien Stadt unter dem Schutz des Völkerbundes. Dies bedeutete, dass Danzig weder zu Deutschland noch zu Polen gehörte, sondern eine unabhängige Einheit mit einer eigenen Regierung und Währung war. Polen erhielt jedoch bestimmte Rechte in Danzig, insbesondere in Bezug auf den Hafen und die Eisenbahnverbindungen. Die Freie Stadt Danzig war mehrheitlich von Deutschen bewohnt, und die Situation führte häufig zu Konflikten zwischen der deutschen Bevölkerung, der polnischen Regierung und dem Völkerbund.
Memelland
Das Memelland, ein kleines Gebiet an der Ostsee um die Stadt Memel (heute Klaipėda), wurde zunächst unter die Verwaltung der Entente-Mächte gestellt und später an Litauen abgetreten. Das Memelland hatte eine gemischte deutsche und litauische Bevölkerung, und die Abtretung an Litauen erfolgte, um Litauen Zugang zum Meer zu ermöglichen. Deutschland annektierte das Memelland 1939 zurück, aber nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es Teil der Sowjetunion (als Teil der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik).
Das Saargebiet
Das Saargebiet, eine Region mit wichtigen Kohlevorkommen, wurde für 15 Jahre unter die Verwaltung des Völkerbundes gestellt. Nach Ablauf dieser Frist sollte eine Volksabstimmung über die zukünftige Zugehörigkeit des Saargebiets entscheiden. Im Jahr 1935 stimmte die Bevölkerung des Saargebiets überwältigend für die Rückkehr zu Deutschland.
Weitere kleinere Gebietsabtretungen
Neben den oben genannten bedeutenden Gebietsabtretungen musste Deutschland auch kleinere Gebiete an andere Nachbarländer abtreten, darunter Teile Schlesiens an Polen und kleinere Grenzkorrekturen zugunsten Belgiens und der Tschechoslowakei.
Verlust der Kolonien
Neben den europäischen Gebietsabtretungen verlor Deutschland auch alle seine Kolonien in Afrika, Asien und Ozeanien. Diese Kolonien wurden unter den Siegermächten des Ersten Weltkriegs aufgeteilt, hauptsächlich an Großbritannien, Frankreich, Belgien, Südafrika, Australien, Neuseeland und Japan. Der Verlust der Kolonien beraubte Deutschland wichtiger Ressourcen und wirtschaftlicher Möglichkeiten und war ein weiterer Schlag für das deutsche Selbstverständnis.
Die deutschen Kolonien umfassten:
- Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Ruanda, Burundi und Teile Mosambiks)
- Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia)
- Kamerun
- Togo
- Deutsch-Neuguinea (heute Teil von Papua-Neuguinea)
- Samoa
- Kiautschou (in China)
- Weitere kleinere pazifische Inseln
Folgen der Gebietsabtretungen
Die Gebietsabtretungen nach dem Ersten Weltkrieg hatten weitreichende Folgen für Deutschland. Sie führten zu einem Verlust von:
- Bevölkerung: Millionen von Deutschen lebten nun in Gebieten, die nicht mehr zu Deutschland gehörten.
- Wirtschaftliche Ressourcen: Der Verlust von Kohleminen im Saargebiet, landwirtschaftlichen Flächen in Posen und Westpreußen sowie der Zugang zu Kolonialressourcen schwächte die deutsche Wirtschaft erheblich.
- Nationales Prestige: Der Verlust von Gebieten und die erzwungene Unterzeichnung des Versailler Vertrags führten zu einem Gefühl der Demütigung und des nationalen Traumas in Deutschland.
Die Gebietsabtretungen trugen maßgeblich zur politischen Instabilität in der Weimarer Republik bei und waren ein wichtiger Faktor für den Aufstieg des Nationalsozialismus. Die Revision des Versailler Vertrags und die Rückgewinnung verlorener Gebiete wurden zu zentralen Zielen der nationalsozialistischen Politik, die letztendlich zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs führten.
Die territoriale Neuordnung Europas nach dem Ersten Weltkrieg war ein komplexer Prozess, der von den Interessen der Siegermächte, dem Prinzip der Selbstbestimmung der Völker und dem Wunsch nach einer gerechten und dauerhaften Friedensordnung geprägt war. Die Gebietsabtretungen, die Deutschland hinnehmen musste, waren ein integraler Bestandteil dieser Neuordnung, hatten aber auch langfristige und tiefgreifende Auswirkungen auf die deutsche Geschichte.
Die heutige Situation ist, dass die Grenzen, die nach dem Zweiten Weltkrieg festgelegt wurden, weitgehend stabil geblieben sind. Deutschland hat sich mit den Konsequenzen des Krieges auseinandergesetzt und ist heute ein integraler Bestandteil der Europäischen Union. Die Erinnerung an die Gebietsabtretungen nach dem Ersten Weltkrieg bleibt jedoch ein wichtiger Teil der deutschen Geschichte und trägt zur Sensibilität für territoriale Fragen und internationale Beziehungen bei.
