Wie Kreuzt Man Sich Richtig
Das Sich-Bekreuzen, eine Geste tief verwurzelt im Christentum, ist weit mehr als eine bloße Aneinanderreihung von Bewegungen. Es ist ein visuelles Bekenntnis, ein stummer Dialog mit dem Göttlichen, und ein kraftvolles Symbol für Glauben, Hingabe und die allgegenwärtige Präsenz Gottes. Doch wie kreuzt man sich "richtig"? Eine einfache Frage, die bei näherer Betrachtung eine überraschende Vielfalt an Antworten und Interpretationen offenbart. Dieser Artikel widmet sich dem tieferen Verständnis dieser Geste, beleuchtet ihre theologische Bedeutung, ihre kulturellen Variationen und die Möglichkeiten, das Sich-Bekreuzen bewusst und bedeutungsvoll zu erleben.
Die Anatomie einer Geste: Bewegung und Bedeutung
Das Sich-Bekreuzen, in seiner klassischen Form, besteht aus einer Sequenz von Handbewegungen, begleitet von einer mündlichen Formel, meistens der Anrufung der Dreifaltigkeit: "Im Namen des Vaters, und des Sohnes, und des Heiligen Geistes. Amen." Die Hand berührt dabei traditionell die Stirn, die Brust, die linke und dann die rechte Schulter. Jede dieser Berührungen ist mit spezifischen Bedeutungen verbunden:
- Die Stirn: Symbolisiert den Verstand, die Gedanken, den Intellekt. Das Bekreuzen der Stirn ist eine Bitte um die Heiligung der Gedanken, um Klarheit und Weisheit durch den Heiligen Geist.
- Die Brust: Repräsentiert das Herz, die Gefühle, die Emotionen. Das Bekreuzen der Brust bittet um die Heiligung der Gefühle, um Liebe, Barmherzigkeit und Mitgefühl.
- Die linke Schulter: Steht oft symbolisch für die Lasten des Lebens, die Sünden, die Versuchungen. Es ist eine Bitte um Kraft, diese Lasten zu tragen und Versuchungen zu widerstehen.
- Die rechte Schulter: Wird oft mit der Stärke, der Tugend und der Nachfolge Christi in Verbindung gebracht. Das Bekreuzen der rechten Schulter ist eine Bitte um Führung und Inspiration, um ein Leben im Einklang mit dem göttlichen Willen zu führen.
Es ist wichtig zu betonen, dass es keine "richtige" oder "falsche" Art gibt, sich zu bekreuzigen. Die Intention und die innere Haltung sind von entscheidender Bedeutung. Ob die Bewegungen schnell und flüchtig oder langsam und bedächtig ausgeführt werden, ob die Hand offen oder geschlossen ist, ob die Formel laut ausgesprochen oder innerlich gedacht wird – all dies sind persönliche Ausdrucksformen des Glaubens. Das Wesentliche ist die Ehrfurcht und die Demut, die der Geste zugrunde liegen.
Kulturelle Variationen und theologische Nuancen
Während die grundlegende Form des Sich-Bekreuzens in den meisten christlichen Konfessionen ähnlich ist, gibt es dennoch bemerkenswerte Unterschiede, insbesondere zwischen der westlichen (römisch-katholischen) und der östlichen (orthodoxen) Tradition.
Die römisch-katholische Tradition:
In der römisch-katholischen Kirche wird das Sich-Bekreuzen traditionell mit der offenen Hand ausgeführt, wobei alle fünf Finger zusammengehalten werden. Dies symbolisiert die fünf Wundmale Christi. Die Reihenfolge der Schultern ist von links nach rechts.
Die orthodoxe Tradition:
In der orthodoxen Kirche wird das Sich-Bekreuzen mit den ersten drei Fingern (Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger) zusammengehalten ausgeführt, während die letzten beiden Finger (Ringfinger und kleiner Finger) an die Handfläche gelegt werden. Die drei zusammengehaltenen Finger symbolisieren die Dreifaltigkeit, während die beiden an die Handfläche gelegten Finger die doppelte Natur Christi darstellen: seine göttliche und seine menschliche Natur. Die Reihenfolge der Schultern ist von rechts nach links. Diese Reihenfolge unterstreicht die theologische Betonung, dass die Erlösung von Christus aus dem Himmel, von der rechten Seite Gottes, zu uns kommt.
Diese Unterschiede in der Ausführung sind nicht bloße Äußerlichkeiten, sondern spiegeln unterschiedliche theologische Schwerpunkte und kulturelle Prägungen wider. Es ist wichtig, diese Unterschiede zu respektieren und wertzuschätzen, anstatt sie als Zeichen von Überlegenheit oder Minderwertigkeit zu betrachten.
Die Bedeutung des Sich-Bekreuzens im Alltag
Das Sich-Bekreuzen ist keine Geste, die auf den Gottesdienst beschränkt ist. Es kann und sollte ein fester Bestandteil des Alltags sein. Es kann eine kraftvolle Möglichkeit sein, den Tag zu beginnen, indem man sich unter den Schutz Gottes stellt. Es kann eine Quelle des Trostes in schwierigen Zeiten sein, ein Ausdruck der Dankbarkeit in Momenten der Freude und ein Zeichen der Buße in Augenblicken der Reue.
Das Sich-Bekreuzen als Gebet:
Das Sich-Bekreuzen kann als eine Form des Gebets betrachtet werden, eine kurze, aber eindringliche Anrufung Gottes. Es ist ein visuelles Gebet, das den ganzen Körper einbezieht und die Verbindung zum Göttlichen stärkt. Es kann in Zeiten der Not, der Angst oder der Unsicherheit Trost und Zuversicht spenden.
Das Sich-Bekreuzen als Bekenntnis:
Das Sich-Bekreuzen ist auch ein öffentliches Bekenntnis des Glaubens. Es ist eine Erklärung, dass man Christ ist und an die Dreifaltigkeit glaubt. In einer säkularen Welt kann das Sich-Bekreuzen ein mutiges Zeichen des Widerstands sein, ein Bekenntnis zu Werten, die über den materiellen Bereich hinausgehen.
Das Sich-Bekreuzen als Erinnerung:
Das Sich-Bekreuzen kann auch als Erinnerung dienen, eine Erinnerung an die Gegenwart Gottes, an die Notwendigkeit von Gebet und Buße, an die Verpflichtung zu Nächstenliebe und Gerechtigkeit. Es ist ein kleiner Akt, der eine große Wirkung haben kann, indem er uns immer wieder auf das Wesentliche unseres Glaubens zurückführt.
Wie man das Sich-Bekreuzen bewusst und bedeutungsvoll erlebt
Um das Sich-Bekreuzen bewusst und bedeutungsvoll zu erleben, ist es wichtig, sich der Bedeutung der Geste bewusst zu sein und sie nicht mechanisch auszuführen. Hier sind einige Anregungen:
- Nehmen Sie sich Zeit: Eilen Sie nicht durch die Bewegung. Nehmen Sie sich einen Moment Zeit, um innezuhalten und sich auf die Bedeutung der Geste zu konzentrieren.
- Konzentrieren Sie sich auf die Worte: Sprechen Sie die Formel "Im Namen des Vaters, und des Sohnes, und des Heiligen Geistes. Amen" bewusst aus und denken Sie über die Bedeutung der Worte nach.
- Fühlen Sie die Bewegung: Spüren Sie die Berührung Ihrer Hand auf Ihrer Stirn, Ihrer Brust und Ihren Schultern. Lassen Sie diese Berührung Sie an die Gegenwart Gottes erinnern.
- Beten Sie innerlich: Verbinden Sie das Sich-Bekreuzen mit einem kurzen inneren Gebet. Bitten Sie Gott um seinen Segen, seinen Schutz oder seine Hilfe.
- Seien Sie achtsam: Achten Sie auf Ihre Gedanken und Gefühle während des Sich-Bekreuzens. Lassen Sie die Geste Sie an die Werte Ihres Glaubens erinnern.
Das Sich-Bekreuzen ist ein Geschenk, ein kostbares Erbe des christlichen Glaubens. Es ist eine einfache, aber kraftvolle Geste, die uns mit Gott verbindet, uns an unsere Identität als Christen erinnert und uns Kraft und Trost im Alltag spenden kann. Indem wir uns der Bedeutung dieser Geste bewusst werden und sie bewusst und bedeutungsvoll ausführen, können wir sie zu einer Quelle der Gnade und des Segens in unserem Leben machen. Es ist ein stummer Schrei zum Himmel, ein Ausdruck der tiefsten Sehnsucht nach Gott und seiner Liebe.
Über die äußere Form hinaus
Letztlich ist die "richtige" Art, sich zu bekreuzigen, diejenige, die aus dem Herzen kommt. Es geht nicht darum, die perfekte Technik zu beherrschen, sondern darum, sich mit aufrichtiger Demut und gläubiger Hingabe vor Gott zu beugen. Das Sich-Bekreuzen ist ein persönlicher Akt des Gebets und der Anbetung, und jeder sollte es auf eine Weise tun, die für ihn oder sie authentisch und bedeutungsvoll ist. Die äußere Form ist zweitrangig gegenüber der inneren Haltung. Die wahre Kunst des Sich-Bekreuzens liegt in der Fähigkeit, in dieser einfachen Geste die tiefe Wahrheit des Evangeliums zu erfahren und zu leben.
