Wie Schreib Ich Eine Charakterisierung
Eine Charakterisierung ist eine detaillierte Beschreibung einer Figur in einem literarischen Werk (Roman, Kurzgeschichte, Theaterstück usw.). Sie geht über die bloße Nennung von Namen und äußeren Merkmalen hinaus und versucht, die Persönlichkeit, Motivationen, Werte und Beziehungen einer Figur zu erfassen. Für Schüler, Studierende und alle, die sich tiefer mit Literatur auseinandersetzen möchten, ist das Schreiben einer guten Charakterisierung unerlässlich.
Warum ist eine Charakterisierung wichtig?
Eine gelungene Charakterisierung hilft dem Leser oder Zuschauer:
- Die Figur besser zu verstehen und sich mit ihr zu identifizieren.
- Die Handlungen und Entscheidungen der Figur nachzuvollziehen.
- Die thematischen Aspekte des Werkes zu erkennen, da Charaktere oft Träger zentraler Ideen sind.
- Eine fundierte Interpretation des literarischen Werkes zu entwickeln.
Die Vorbereitung: Sorgfältiges Lesen und Notizen
Bevor Sie mit dem Schreiben der Charakterisierung beginnen, ist eine gründliche Vorbereitung unerlässlich. Das bedeutet:
Mehrfaches Lesen des Textes
Lesen Sie den Text mindestens zweimal. Beim ersten Lesen konzentrieren Sie sich auf das Gesamtverständnis der Handlung. Beim zweiten Lesen achten Sie gezielt auf die Figur, die Sie charakterisieren möchten. Markieren Sie wichtige Textstellen, in denen die Figur direkt oder indirekt beschrieben wird.
Notizen anfertigen
Erstellen Sie eine detaillierte Liste mit Informationen über die Figur. Teilen Sie diese Liste in verschiedene Kategorien auf, um einen besseren Überblick zu erhalten. Mögliche Kategorien sind:
- Äußere Erscheinung: Wie sieht die Figur aus? (Alter, Geschlecht, Größe, Aussehen, Kleidung, etc.)
- Direkte Charakterisierung: Was sagt der Erzähler oder andere Figuren direkt über die Figur? (z.B. "Er war ein gieriger Mann.")
- Indirekte Charakterisierung: Was erfahren wir über die Figur durch ihr Handeln, ihre Worte, ihre Gedanken und Gefühle, ihre Beziehungen zu anderen Figuren und ihre Umgebung? (Show, don't tell). Dies ist oft der wichtigste und aufschlussreichste Teil der Charakterisierung.
- Hintergrundinformationen: Woher kommt die Figur? Welche Erfahrungen hat sie gemacht? Welche sozialen Umstände prägen sie?
- Entwicklung der Figur: Wie verändert sich die Figur im Laufe der Handlung? Gibt es Wendepunkte in ihrem Leben?
- Motivationen und Ziele: Was treibt die Figur an? Was will sie erreichen?
- Werte und Überzeugungen: Welche moralischen Prinzipien hat die Figur? Was ist ihr wichtig?
- Beziehungen zu anderen Figuren: Wie interagiert die Figur mit anderen Charakteren? Welche Beziehungen hat sie zu ihnen?
- Sprache: Wie spricht die Figur? Welche Art von Sprache verwendet sie (formell, informell, Dialekt, etc.)? Spricht sie viel oder wenig?
- Symbolische Bedeutung: Repräsentiert die Figur etwas Größeres? Steht sie für eine bestimmte Idee oder ein bestimmtes Konzept?
Schreiben Sie zu jeder Kategorie so viele Details wie möglich auf. Je detaillierter Ihre Notizen sind, desto fundierter wird Ihre Charakterisierung sein.
Der Aufbau der Charakterisierung
Eine Charakterisierung folgt in der Regel einem bestimmten Aufbau. Dieser kann je nach Aufgabenstellung und Länge der Charakterisierung variieren, aber im Wesentlichen sollte er die folgenden Punkte umfassen:
Einleitung
Die Einleitung sollte kurz und prägnant sein. Sie dient dazu, den Leser in das Thema einzuführen und die Figur kurz vorzustellen.
- Nennen Sie den Titel des Werkes und den Autor.
- Stellen Sie die Figur kurz vor (Name, Rolle im Werk).
- Geben Sie einen kurzen Überblick über die wichtigsten Eigenschaften der Figur.
- Formulieren Sie eine These, die Sie im Hauptteil belegen werden (z.B. "Hamlet ist ein zerrissener Charakter, der zwischen Rache und Selbstzweifel schwankt.").
Hauptteil
Der Hauptteil ist das Herzstück der Charakterisierung. Hier analysieren Sie die Figur anhand Ihrer Notizen und belegen Ihre Aussagen mit konkreten Beispielen aus dem Text.
- Äußere Erscheinung: Beschreiben Sie das Aussehen der Figur und interpretieren Sie, was diese äußeren Merkmale über ihren Charakter aussagen könnten.
- Charakter: Gehen Sie detailliert auf die Persönlichkeit der Figur ein. Analysieren Sie ihr Verhalten, ihre Worte, ihre Gedanken und Gefühle. Belegen Sie Ihre Aussagen mit Zitaten aus dem Text.
- Motivationen und Ziele: Erläutern Sie, was die Figur antreibt und welche Ziele sie verfolgt. Analysieren Sie, ob ihre Motivationen nachvollziehbar sind und ob sie ihre Ziele erreicht.
- Beziehungen zu anderen Figuren: Beschreiben Sie die Beziehungen der Figur zu anderen Charakteren und analysieren Sie, wie diese Beziehungen ihren Charakter beeinflussen.
- Entwicklung: Verfolgen Sie die Entwicklung der Figur im Laufe der Handlung. Erklären Sie, welche Ereignisse zu Veränderungen in ihrem Charakter führen.
- Funktion im Werk: Diskutieren Sie, welche Rolle die Figur im Gesamtkontext des Werkes spielt. Trägt sie zur Entwicklung der Handlung bei? Verkörpert sie bestimmte Themen oder Ideen?
Achten Sie darauf, Ihre Aussagen immer mit Textbelegen zu untermauern. Zitieren Sie relevante Textstellen und erklären Sie, warum diese für Ihre Interpretation wichtig sind. Verwenden Sie eine präzise und differenzierte Sprache. Vermeiden Sie allgemeine Aussagen und belegen Sie Ihre Behauptungen mit konkreten Details.
Schluss
Der Schluss fasst die wichtigsten Erkenntnisse Ihrer Charakterisierung zusammen und zieht ein Fazit.
- Fassen Sie die wichtigsten Eigenschaften der Figur noch einmal kurz zusammen.
- Beantworten Sie die These, die Sie in der Einleitung formuliert haben.
- Geben Sie eine abschließende Bewertung der Figur. Ist sie sympathisch? Glaubwürdig? Komplex?
- Ordnen Sie die Figur in den Gesamtkontext des Werkes ein.
- Geben Sie eventuell einen Ausblick auf die weitere Entwicklung der Figur (falls zutreffend).
Wichtige Tipps für eine gelungene Charakterisierung
- Seien Sie objektiv: Versuchen Sie, die Figur unvoreingenommen zu betrachten. Lassen Sie sich nicht von Ihren eigenen Vorlieben oder Abneigungen beeinflussen.
- Seien Sie differenziert: Vermeiden Sie einfache Schwarz-Weiß-Malerei. Figuren sind selten ausschließlich gut oder böse. Zeigen Sie die Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit des Charakters.
- Belegen Sie Ihre Aussagen: Jede Aussage über die Figur muss durch Textbelege untermauert werden.
- Achten Sie auf eine präzise Sprache: Verwenden Sie eine differenzierte und treffende Sprache, um die Eigenschaften der Figur zu beschreiben.
- Vermeiden Sie Inhaltsangaben: Eine Charakterisierung ist keine Nacherzählung der Handlung. Konzentrieren Sie sich auf die Analyse der Figur.
- Korrigieren Sie Ihre Arbeit: Lesen Sie Ihre Charakterisierung sorgfältig Korrektur, bevor Sie sie abgeben. Achten Sie auf Rechtschreibung, Grammatik und Stil.
Beispiel: Charakterisierung von Gregor Samsa in "Die Verwandlung" von Franz Kafka
Nehmen wir an, Sie sollen Gregor Samsa aus Kafkas "Die Verwandlung" charakterisieren. Eine mögliche Herangehensweise könnte so aussehen:
Einleitung: Franz Kafkas Erzählung "Die Verwandlung" thematisiert die Entfremdung des Menschen in der modernen Gesellschaft. Im Zentrum steht Gregor Samsa, ein Handlungsreisender, der sich eines Morgens in ein Ungeziefer verwandelt. Gregor ist ein Opfer seiner familiären Verpflichtungen und der zunehmenden Entmenschlichung durch die Arbeitswelt.
Hauptteil: Gregor wird zunächst durch sein Äußeres beschrieben. Seine Verwandlung in ein Ungeziefer ist symbolisch für seinen inneren Zustand. Er ist entfremdet von sich selbst und seiner Umwelt. Seine Arbeit als Handlungsreisender dient lediglich dazu, die Schulden seiner Familie abzutragen. Er opfert seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche, um für seine Familie zu sorgen. "Ach Gott", dachte er, "was für einen anstrengenden Beruf habe ich gewählt! Tag aus, Tag ein auf der Reise." (Kafka). Diese Aussage zeigt seine tiefe Unzufriedenheit mit seinem Leben. Seine Familie reagiert auf seine Verwandlung mit Ablehnung und Ekel. Sie isolieren ihn zunehmend und behandeln ihn wie ein Monster. Nur seine Schwester Grete zeigt zunächst Mitgefühl, doch auch sie wendet sich schließlich von ihm ab. Gregor stirbt einsam und verlassen, was die extreme Entfremdung und die Verlust seiner Menschlichkeit symbolisiert.
Schluss: Gregor Samsa ist ein tragischer Charakter, der durch seine familiären Verpflichtungen und die entmenschlichende Arbeitswelt zugrunde geht. Seine Verwandlung in ein Ungeziefer ist ein Sinnbild für seine innere Entfremdung und den Verlust seiner Menschlichkeit. Er ist ein Opfer der Umstände und verkörpert die existenzielle Angst des modernen Menschen. Seine Geschichte ist eine bittere Kritik an der Gesellschaft und der Entfremdung des Individuums.
Diese Beispiel zeigt, wie Sie vorgehen können, um eine fundierte und überzeugende Charakterisierung zu schreiben. Achten Sie darauf, Ihre Aussagen immer mit Textbelegen zu untermauern und eine präzise und differenzierte Sprache zu verwenden. Viel Erfolg!
