Wie Viele Jesiden Gibt Es Auf Der Welt
Die Frage nach der genauen Anzahl der Jesiden weltweit ist komplex und kann nicht mit absoluter Sicherheit beantwortet werden. Mehrere Faktoren tragen zu dieser Unsicherheit bei, darunter die traditionell enge Gemeinschaft der Jesiden, die Schwierigkeit der Erfassung in verschiedenen Ländern und die Verfolgung, die viele Jesiden zur Flucht und zum Verbergen ihrer Identität gezwungen hat. Trotz dieser Herausforderungen gibt es Schätzungen, die einen Einblick in die ungefähre Größenordnung der jesidischen Bevölkerung geben.
Schätzungen der Weltweiten Jesidischen Bevölkerung
Die meisten Schätzungen gehen davon aus, dass es weltweit zwischen 500.000 und 800.000 Jesiden gibt. Diese Zahlen basieren auf verschiedenen Quellen, darunter jesidische Organisationen, akademische Studien und Regierungsstatistiken. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass diese Zahlen Schätzungen sind und die tatsächliche Zahl höher oder niedriger sein könnte. Die Unsicherheit rührt hauptsächlich daher, dass in vielen Ländern keine spezifischen Volkszählungsdaten für Jesiden erhoben werden. Viele Jesiden sind in der Vergangenheit und Gegenwart gezwungen, ihre religiöse Zugehörigkeit aus Angst vor Diskriminierung und Verfolgung zu verbergen, was die Erfassung erschwert.
Hauptkonzentrationen der Jesidischen Bevölkerung
Historisch gesehen war das Hauptsiedlungsgebiet der Jesiden das Dreieck zwischen dem Irak, Syrien und der Türkei. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Verteilung jedoch aufgrund von Konflikten und Verfolgung erheblich verändert. Hier ist ein Überblick über die wichtigsten Länder mit bedeutenden jesidischen Gemeinschaften:
- Irak: Der Irak galt traditionell als das Kernland der Jesiden, mit der größten jesidischen Bevölkerung weltweit. Vor dem Aufstieg des IS (Islamischer Staat) im Jahr 2014 lebten schätzungsweise 550.000 Jesiden im Irak, hauptsächlich in der Region Sindschar (Şengal) und in der Ninive-Ebene. Die Verfolgung durch den IS hat jedoch zu einem massiven Bevölkerungsrückgang durch Tötung, Entführung und Flucht geführt. Es wird geschätzt, dass sich die jesidische Bevölkerung im Irak nach dem IS-Konflikt halbiert hat. Viele sind weiterhin Binnenvertriebene oder leben in Flüchtlingslagern.
- Deutschland: Deutschland hat die größte jesidische Diaspora weltweit aufgenommen. Nach der Verfolgung im Irak und in anderen Ländern haben viele Jesiden in Deutschland Zuflucht gesucht. Schätzungen zufolge leben in Deutschland zwischen 100.000 und 200.000 Jesiden. Diese Gemeinschaft ist gut organisiert und spielt eine wichtige Rolle bei der Unterstützung der Jesiden im Irak und anderswo.
- Russland und die GUS-Staaten: In Russland und anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion gibt es ebenfalls bedeutende jesidische Gemeinschaften. Viele Jesiden wanderten im 19. und 20. Jahrhundert aus dem Osmanischen Reich in diese Regionen aus. Die genaue Zahl ist schwer zu bestimmen, aber Schätzungen deuten auf Zehntausende Jesiden in Russland, Georgien, Armenien und anderen GUS-Staaten hin.
- Syrien: Vor dem syrischen Bürgerkrieg lebten schätzungsweise 80.000 Jesiden in Syrien, hauptsächlich in der Region Dschesire (al-Hasaka). Auch hier hat der Konflikt zu Vertreibung und Flucht geführt, wodurch die jesidische Bevölkerung in Syrien erheblich reduziert wurde.
- Türkei: Historisch gesehen lebten auch in der Türkei Jesiden, aber ihre Zahl ist aufgrund von Verfolgung und Auswanderung stark zurückgegangen. Es wird geschätzt, dass heute nur noch wenige tausend Jesiden in der Türkei leben.
- Andere Länder: Kleinere jesidische Gemeinschaften gibt es in anderen Ländern Europas, Nordamerikas und Australiens. Diese Gemeinschaften sind oft das Ergebnis von Migration und Flucht aus den traditionellen Siedlungsgebieten.
Faktoren, die die Bevölkerungszahl Beeinflussen
Mehrere Faktoren beeinflussen die Genauigkeit der Bevölkerungszahlen und die Entwicklung der jesidischen Gemeinschaft:
- Verfolgung und Genozid: Die Jesiden haben im Laufe ihrer Geschichte zahlreiche Verfolgungen und Genozide erlitten. Die jüngste Verfolgung durch den IS im Irak hat zu massiven Verlusten an Menschenleben und Vertreibung geführt. Diese Ereignisse haben nicht nur die Bevölkerungszahl direkt beeinflusst, sondern auch zu Trauma und Angst geführt, was die Erfassung erschwert. Die Ereignisse in Sindschar im Jahr 2014 haben die Weltöffentlichkeit auf das Schicksal der Jesiden aufmerksam gemacht und zu internationaler Unterstützung geführt.
- Migration und Flucht: Aufgrund von Verfolgung und wirtschaftlicher Not haben viele Jesiden ihre Heimatländer verlassen und Zuflucht in anderen Teilen der Welt gesucht. Diese Migration hat zu einer Zunahme der jesidischen Diaspora geführt, insbesondere in Europa und Nordamerika.
- Assimilation: In einigen Ländern besteht die Gefahr, dass Jesiden sich in die Mehrheitsgesellschaft assimilieren und ihre religiöse und kulturelle Identität verlieren. Dies kann dazu führen, dass sie sich bei Volkszählungen nicht als Jesiden identifizieren, was die Erfassung erschwert.
- Niedrige Geburtenrate: In einigen jesidischen Gemeinschaften wurde in den letzten Jahren eine niedrige Geburtenrate beobachtet. Dies könnte auf verschiedene Faktoren zurückzuführen sein, darunter wirtschaftliche Schwierigkeiten, Bildungsniveau und veränderte soziale Normen.
- Endogamie: Das jesidische Glaubenssystem schreibt eine strenge Endogamie vor, d.h. Jesiden dürfen nur innerhalb der Gemeinschaft heiraten. Dies dient dem Erhalt der religiösen und kulturellen Identität, kann aber auch zu genetischen Problemen und einer geringeren Bevölkerungszahl führen.
Herausforderungen bei der Datenerhebung
Die Erhebung genauer Daten über die jesidische Bevölkerung ist mit erheblichen Herausforderungen verbunden:
- Mangel an offiziellen Statistiken: In vielen Ländern werden Jesiden nicht als separate religiöse Gruppe in den nationalen Volkszählungen erfasst. Dies macht es schwierig, genaue Bevölkerungszahlen zu erhalten.
- Geographische Verteilung: Jesiden leben oft in abgelegenen und schwer zugänglichen Gebieten, was die Datenerhebung erschwert.
- Angst vor Verfolgung: Aufgrund der historischen und gegenwärtigen Verfolgung zögern viele Jesiden, ihre religiöse Zugehörigkeit preiszugeben, insbesondere gegenüber staatlichen Behörden.
- Fluktuation der Bevölkerung: Aufgrund von Konflikten und Migration verändert sich die jesidische Bevölkerung ständig, was es schwierig macht, aktuelle und zuverlässige Daten zu erhalten.
- Definition von Jeside: Die Definition, wer als Jeside gilt, kann ebenfalls eine Herausforderung darstellen. Traditionell wird die jesidische Identität durch Geburt von beiden jesidischen Elternteilen bestimmt. Personen, die außerhalb der Gemeinschaft heiraten, werden in der Regel nicht mehr als Jesiden betrachtet.
Bedeutung der Bevölkerungszahlen
Obwohl die genaue Zahl der Jesiden schwer zu bestimmen ist, sind die Schätzungen wichtig, um:
- Aufmerksamkeit auf die Bedürfnisse der Jesiden zu lenken: Die Bevölkerungszahlen helfen, das Ausmaß der Herausforderungen zu verdeutlichen, mit denen die jesidische Gemeinschaft konfrontiert ist, insbesondere in Bezug auf Verfolgung, Vertreibung und den Bedarf an humanitärer Hilfe.
- Interventionsmaßnahmen zu planen: Genaue Daten sind erforderlich, um gezielte Hilfsprogramme und Schutzmaßnahmen für Jesiden zu entwickeln, insbesondere in Krisengebieten.
- Die jesidische Kultur und Identität zu bewahren: Die Kenntnis der Bevölkerungsgröße und -verteilung hilft, Bemühungen zur Bewahrung der jesidischen Kultur, Sprache und Religion zu unterstützen.
- Politische Repräsentation zu fördern: Bevölkerungszahlen können verwendet werden, um die politische Repräsentation der Jesiden in den jeweiligen Ländern zu fördern.
Zusammenfassung
Die genaue Anzahl der Jesiden weltweit ist schwer zu bestimmen, aber die meisten Schätzungen gehen von 500.000 bis 800.000 Menschen aus. Die größte jesidische Bevölkerung lebt traditionell im Irak, aber aufgrund von Verfolgung und Konflikten hat sich die Verteilung in den letzten Jahren erheblich verändert. Deutschland hat die größte jesidische Diaspora aufgenommen. Die Datenerhebung ist mit zahlreichen Herausforderungen verbunden, darunter mangelnde offizielle Statistiken, Angst vor Verfolgung und Fluktuation der Bevölkerung. Trotz dieser Herausforderungen sind Bevölkerungszahlen wichtig, um die Bedürfnisse der Jesiden zu verdeutlichen, Interventionsmaßnahmen zu planen und die jesidische Kultur und Identität zu bewahren. Es ist wichtig, die Jesiden zu unterstützen und ihre Rechte zu verteidigen. Die internationale Gemeinschaft muss sich weiterhin für den Schutz der Jesiden und die Aufklärung der Verbrechen, die an ihnen begangen wurden, einsetzen.
Die Verfolgung der Jesiden darf nicht vergessen werden.
