Wie Viele Spinnen Isst Ein Mensch
Die Frage, wie viele Spinnen ein Mensch im Schlaf isst, ist ein weitverbreiteter Mythos. Er geistert seit Jahrzehnten durch das Internet und wird oft als gruseliges Detail am Rande von Konversationen oder in "Faktensammlungen" präsentiert. Aber stimmt es wirklich, dass wir ahnungslos Krabbeltiere verspeisen, während wir schlafen?
Der Ursprung des Mythos
Die genauen Ursprünge des Spinnen-im-Schlaf-Mythos sind schwer zu bestimmen, aber er scheint in den 1990er Jahren im Internet entstanden zu sein. Einige führen ihn auf eine Liste von "Fakten" zurück, die von der Kolumnistin Lisa Birnbach in ihrem Buch "The Official Preppy Handbook" veröffentlicht wurden. Diese Liste enthielt absichtlich skurrile und erfundene Behauptungen, die als humorvolle Übertreibungen gedacht waren. Leider wurden diese Behauptungen ohne Kontext weiterverbreitet und verselbstständigten sich.
Es gibt auch die Theorie, dass der Mythos aus der Tendenz des Menschen entstanden ist, Ekel und Angst vor Spinnen (Arachnophobie) zu übertreiben. Die Vorstellung, diese Kreaturen unkontrolliert zu konsumieren, verstärkt diesen Ekel und macht die Geschichte einprägsamer und verbreitungsfähiger.
Die wissenschaftliche Perspektive: Warum es unwahrscheinlich ist
Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Vorstellung, dass Menschen regelmäßig Spinnen im Schlaf essen, höchst unwahrscheinlich. Es gibt mehrere Gründe dafür:
1. Vibrationen und Geräusche
Spinnen sind von Natur aus scheue Tiere. Sie vermeiden große, unberechenbare Objekte wie schlafende Menschen. Während wir schlafen, atmen wir, schnarchen wir vielleicht, bewegen uns leicht – all das erzeugt Vibrationen, die Spinnen erkennen können. Diese Vibrationen signalisieren Gefahr und veranlassen die Spinne, sich zurückzuziehen.
2. Mangelnde Anziehungskraft
Spinnen haben kein Interesse an schlafenden Menschen als Nahrungsquelle. Sie ernähren sich hauptsächlich von Insekten, die sie mit ihren Netzen fangen oder aktiv jagen. Ein schlafender Mensch bietet keinerlei Anreize für eine Spinne, sich ihm zu nähern. Unser Körpergeruch ist für Spinnen nicht attraktiv. Sie bevorzugen Beute, die auf andere Weise ihre Aufmerksamkeit erregt, z.B. durch Bewegung oder spezifische chemische Signale.
3. Schlafumgebung
Die meisten Schlafzimmer sind nicht gerade ideale Lebensräume für Spinnen. Sie bevorzugen dunkle, feuchte Orte mit ausreichend Nahrungsquellen. Saubere, aufgeräumte Schlafzimmer bieten oft weder Versteckmöglichkeiten noch genügend Beute, um Spinnen anzulocken. Obwohl es vorkommen kann, dass sich eine Spinne zufällig in ein Schlafzimmer verirrt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich aktiv auf die Suche nach Nahrung auf einem schlafenden Menschen begibt, sehr gering.
4. Körperliche Barrieren
Selbst wenn eine Spinne sich in die Nähe eines schlafenden Menschen verirrt, gibt es immer noch physische Hindernisse. Wir atmen durch den Mund oder die Nase, was einen Luftstrom erzeugt, der eine kleine Spinne leicht wegblasen könnte. Außerdem bewegen wir uns im Schlaf unwillkürlich. Selbst leichte Bewegungen können eine Spinne erschrecken oder abstoßen, bevor sie überhaupt in die Nähe unseres Mundes gelangt.
5. Die Seltenheit tatsächlicher Beweise
Obwohl die Geschichte weit verbreitet ist, gibt es keine dokumentierten Fälle oder stichhaltigen Beweise, die sie belegen. Weder medizinische Studien noch entomologische Forschungen (Insektenkunde) bestätigen die Behauptung, dass Menschen regelmäßig Spinnen im Schlaf essen. Die "Fakten", die in der Regel zitiert werden (z.B. dass man im Durchschnitt 8 Spinnen pro Jahr isst), sind reine Erfindungen.
Warum hält sich der Mythos hartnäckig?
Trotz des Mangels an Beweisen hält sich der Mythos hartnäckig, weil er mehrere psychologische Aspekte anspricht:
- Ekel: Die Vorstellung, Spinnen zu essen, ist für die meisten Menschen abstoßend. Ekel erzeugt starke Emotionen und macht die Geschichte einprägsamer.
- Angst: Viele Menschen leiden unter Arachnophobie, der Angst vor Spinnen. Die Vorstellung, unkontrolliert von Spinnen "befallen" zu werden, verstärkt diese Angst.
- Bestätigungsfehler (Confirmation Bias): Wenn Menschen an die Geschichte glauben, suchen sie möglicherweise selektiv nach Informationen, die sie bestätigen, und ignorieren gegenteilige Beweise.
- Sensationalismus: Die Geschichte ist aufsehenerregend und schockierend. Solche Geschichten werden oft bereitwilliger geteilt, unabhängig von ihrer Wahrhaftigkeit.
Fazit: Entwarnung für Spinnenphobiker
Die Annahme, dass Menschen im Schlaf Spinnen essen, ist ein reiner Mythos, der keinerlei wissenschaftliche Grundlage hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Spinne sich absichtlich einem schlafenden Menschen nähert und in seinen Mund krabbelt, ist extrem gering. Die Kombination aus Vibrationen, Geräuschen, dem Mangel an Anziehungskraft und physischen Barrieren macht es äußerst unwahrscheinlich, dass dies regelmäßig oder überhaupt vorkommt.
Sie können also beruhigt schlafen gehen, ohne sich Sorgen machen zu müssen, dass Sie unbemerkt von achtbeinigen Besuchern als Nahrungsquelle dienen. Die Energie, die Sie normalerweise in die Sorge um dieses unwahrscheinliche Szenario investieren würden, können Sie nun in die Bekämpfung tatsächlicher Probleme investieren.
Kurz gesagt: Glauben Sie nicht alles, was Sie im Internet lesen!
