Wie Wird Das Imparfait Gebildet
Das Imparfait, im Deutschen oft als Imperfekt bezeichnet, ist eine Vergangenheitsform im Französischen, die mehr als nur eine einfache zeitliche Einordnung ermöglicht. Es schildert Zustände, Gewohnheiten, Beschreibungen und sich wiederholende Handlungen in der Vergangenheit. Um die Nuancen des Imparfait wirklich zu verstehen, müssen wir uns eingehend mit seiner Bildung, seinem Gebrauch und seiner subtilen Bedeutung auseinandersetzen. Diese Form, die den Zugang zur französischen Literatur und zum Verständnis französischer Erzählungen entscheidend prägt, erfordert eine sorgfältige Betrachtung.
Die Grundregeln der Bildung
Die Bildung des Imparfait ist erfreulich regelmäßig und basiert auf dem Stamm der 1. Person Plural Präsens (nous-Form) des jeweiligen Verbs. Dies ist ein wesentlicher Unterschied zum Passé Simple, welches unregelmäßiger und in der gesprochenen Sprache weniger gebräuchlich ist. Nehmen wir uns einige Beispiele zur Verdeutlichung:
- Parler (sprechen): Wir bilden die nous-Form im Präsens: nous parlons. Wir entfernen die Endung -ons und erhalten den Stamm parl-.
- Finir (beenden): Die nous-Form im Präsens ist nous finissons. Der Stamm lautet demnach finiss-.
- Vendre (verkaufen): Die nous-Form im Präsens ist nous vendons. Der Stamm lautet vend-.
An diesen Stamm werden nun die Imparfait-Endungen angehängt. Diese Endungen sind für alle Verben, mit Ausnahme von être, identisch:
- -ais
- -ais
- -ait
- -ions
- -iez
- -aient
Somit erhalten wir folgende Konjugationen:
- Je parlais (Ich sprach/pflegte zu sprechen)
- Tu parlais (Du sprachst/pflegtest zu sprechen)
- Il/Elle/On parlait (Er/Sie/Man sprach/pflegte zu sprechen)
- Nous parlions (Wir sprachen/pflegten zu sprechen)
- Vous parliez (Ihr spracht/pflegtet zu sprechen)
- Ils/Elles parlaient (Sie sprachen/pflegten zu sprechen)
- Je finissais (Ich beendete/pflegte zu beenden)
- Tu finissais (Du beendetest/pflegtest zu beenden)
- Il/Elle/On finissait (Er/Sie/Man beendete/pflegte zu beenden)
- Nous finissions (Wir beendeten/pflegten zu beenden)
- Vous finissiez (Ihr beendetet/pflegtet zu beenden)
- Ils/Elles finissaient (Sie beendeten/pflegten zu beenden)
- Je vendais (Ich verkaufte/pflegte zu verkaufen)
- Tu vendais (Du verkauftest/pflegtest zu verkaufen)
- Il/Elle/On vendait (Er/Sie/Man verkaufte/pflegte zu verkaufen)
- Nous vendions (Wir verkauften/pflegten zu verkaufen)
- Vous vendiez (Ihr verkauftet/pflegtet zu verkaufen)
- Ils/Elles vendaient (Sie verkauften/pflegten zu verkaufen)
Die Ausnahme: Das Verb être
Das einzige Verb, das eine unregelmäßige Form im Imparfait aufweist, ist être (sein). Hier lautet der Stamm ét-. Die Konjugation sieht wie folgt aus:
- J'étais (Ich war)
- Tu étais (Du warst)
- Il/Elle/On était (Er/Sie/Man war)
- Nous étions (Wir waren)
- Vous étiez (Ihr wart)
- Ils/Elles étaient (Sie waren)
Wichtige Hinweise und Sonderfälle
Obwohl die Bildung des Imparfait im Allgemeinen regelmäßig ist, gibt es einige wichtige Hinweise und Sonderfälle zu beachten:
- Verben auf -ger: Bei Verben, die auf -ger enden (z.B. manger - essen), wird vor der Endung -ons im Präsens ein -e- eingefügt (nous mangeons), um die Aussprache des -g- beizubehalten. Dieses -e- bleibt im Imparfait erhalten: Je mangeais, Tu mangeais, etc.
- Verben auf -cer: Bei Verben, die auf -cer enden (z.B. commencer - beginnen), wird das -c- vor den Endungen -ais, -ais, -ait, -aient zu einem -ç-, um die Aussprache des -s- beizubehalten: Je commençais, Tu commençais, etc.
- Verben mit einem stummen -e- im Stamm: Wenn der Stamm des Verbs ein stummes -e- enthält, das sich im Präsens zu einem offenen -è- verwandelt (z.B. acheter - kaufen: j'achète), bleibt dieses -è- im Imparfait erhalten: J'achetais, Tu achetais, etc.
Der Gebrauch des Imparfait
Die Bedeutung des Imparfait geht weit über seine formale Bildung hinaus. Es ist eine Schlüsselform, um Nuancen der Vergangenheit auszudrücken, die im Deutschen durch das Präteritum (Imperfekt) allein nicht immer adäquat wiedergegeben werden können. Die Hauptverwendungen des Imparfait sind:
- Beschreibungen in der Vergangenheit: Das Imparfait wird verwendet, um Personen, Orte und Situationen in der Vergangenheit zu beschreiben. Es malt ein Bild und setzt den Rahmen für die Erzählung.
"La maison était grande et sombre. Le jardin était rempli de fleurs sauvages." (Das Haus war groß und dunkel. Der Garten war voller wilder Blumen.)
- Gewohnheiten und wiederholte Handlungen in der Vergangenheit: Es drückt aus, was man regelmäßig oder gewohnheitsmäßig in der Vergangenheit getan hat.
"Chaque matin, je prenais mon café au café du coin." (Jeden Morgen trank ich meinen Kaffee im Café um die Ecke.)
- Gleichzeitige Handlungen in der Vergangenheit: Das Imparfait wird verwendet, um Handlungen zu beschreiben, die gleichzeitig in der Vergangenheit stattfanden, oft als Hintergrund für eine plötzliche, einmalige Handlung, die im Passé Composé steht.
"Il pleuvait quand je suis sorti." (Es regnete, als ich hinausging.) - Hier beschreibt pleuvait den Zustand (es regnete), während suis sorti eine abgeschlossene Handlung darstellt.
- Unvollständige oder andauernde Handlungen in der Vergangenheit: Das Imparfait beschreibt Handlungen, die in der Vergangenheit begannen und andauerten, ohne dass ihr Ende explizit genannt wird. Es betont den Verlauf der Handlung.
"Je lisais un livre quand le téléphone a sonné." (Ich las ein Buch, als das Telefon klingelte.) - Das Lesen war im Gange, als das Telefon klingelte.
- Höflichkeit: In bestimmten Kontexten kann das Imparfait verwendet werden, um eine Frage oder Bitte höflicher zu formulieren.
"Je voulais vous demander un service." (Ich wollte Sie um einen Gefallen bitten.)
Imparfait vs. Passé Composé: Ein feiner Unterschied
Die Unterscheidung zwischen Imparfait und Passé Composé (Perfekt) ist entscheidend für das Verständnis französischer Vergangenheitsformen. Während das Passé Composé eine abgeschlossene, einmalige Handlung in der Vergangenheit beschreibt, die einen klaren Anfang und ein klares Ende hat, betont das Imparfait den Zustand, die Gewohnheit oder den Hintergrund. Betrachten wir folgendes Beispiel:
- "J'ai mangé une pomme." (Ich habe einen Apfel gegessen.) - Passé Composé: Eine abgeschlossene Handlung.
- "Je mangeais une pomme." (Ich aß gerade einen Apfel.) - Imparfait: Eine Handlung im Gange.
Oft treten beide Zeiten in einem Satz gemeinsam auf, wobei das Imparfait den Hintergrund und das Passé Composé die plötzliche Handlung darstellt, die diesen Hintergrund unterbricht oder verändert. Stellen Sie sich eine Szene in einem Film vor: Das Imparfait ist die Kamerafahrt über die Landschaft, die das Setting etabliert, während das Passé Composé der unerwartete Knall einer Autotür ist, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Das Imparfait in der Literatur
Französische Autoren nutzen das Imparfait meisterhaft, um Stimmungen zu erzeugen, Charaktere zu beschreiben und komplexe Beziehungen zwischen Ereignissen in der Vergangenheit darzustellen. Von Prousts detaillierten Beschreibungen in À la recherche du temps perdu bis hin zu Camus' introspektiven Erzählungen in L'Étranger ist das Imparfait ein unverzichtbares Werkzeug, um die subtilen Nuancen menschlicher Erfahrung einzufangen. Das Verständnis des Imparfait eröffnet dem Leser ein tieferes Verständnis für die literarische Kunstfertigkeit französischer Autoren und ermöglicht es ihm, die feinen Abstufungen der Erzählung zu schätzen.
Fazit
Das Imparfait ist mehr als nur eine grammatikalische Regel; es ist ein Fenster in die Vergangenheit, das es uns ermöglicht, Zustände, Gewohnheiten und flüchtige Momente in der Zeit wiederzuerleben. Seine subtilen Unterschiede zum Passé Composé ermöglichen es uns, die Komplexität vergangener Ereignisse und Emotionen zu erfassen. Durch sorgfältige Beachtung seiner Bildung, seines Gebrauchs und seiner literarischen Anwendung können wir ein tieferes Verständnis der französischen Sprache und Kultur erlangen und die Schönheit und Präzision des Imparfait vollends würdigen. Das Imparfait zu beherrschen bedeutet, die Fähigkeit zu erlangen, Geschichten so zu erzählen, dass sie nicht nur berichtet, sondern erlebt werden.
